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Ein Wortgeplänkel wie es Politiker in aller Welt zu führen pflegen! Es hinterlässt zwei verärgerte Staatsmänner und ein Land protestiert gegen die Einmischung in seine inneren Angelegenheiten. – Nichts Besonderes also. Dennoch könnte es sich lohnen, nicht bei einer summarischen Aufzählung einiger Äußerungen des Disputs stehen zu bleiben, sondern seine Inhalte herauszuarbeiten, sie auf ihre grundlegenden Gedanken zurückzuführen, Absichten, Ziele und Zwecke der an der Kontroverse beteiligten Politiker zu pointieren und daraus resultierende Konsequenzen zu reflektieren.
Welchen abstrakten „Grundgedanken" sind beide Regierungschefs gefolgt? - Ein Eines, ein Etwas, hier ein lebender Mensch, hat verschiedene und gegenteilige Bestimmungen an sich. Lieberman ist Einer, er ist ein Sein, ein Leben, aber dieses eine Leben ist in sich unterschieden, zeigt verschiedene Seiten, Sphären, Bereiche, Qualitäten. Lieberman ist wohl nationalistisch, - was Netanjahu nicht leugnet - aber es ist nicht die Wahrheit. Er hat auch anderes an sich: Im privaten Kreis schlägt er keineswegs radikale nationalistische Töne an.
Die Wahrheit eines Menschen ist nicht einseitig! Für diesen wichtigen Gedanken nennt Netanjahu „Lieberman" als Beispiel. Er spricht den Gedanken nicht aus; er bringt ihn nicht einmal in die Vorstellung. Man muss daher den Gedanken schon haben, um das Beispiel zu verstehen. Aber auch ohne sich des Gedankens bewusst zu sein, Netanjahus Aufforderung dürfte jedem ohne viel Nachdenkens klar und verständlich sein: Sarkozy soll Lieberman nicht einseitig als radikal nationalistisch beurteilen.
Bei diesem einen Gedanken bleibt Netanjahu allerdings nicht stehen, er verbindet ihn mit einem zweiten, wobei er dann jedoch einem charakteristischen, weit verbreiteten Irrtum aufsitzt. Er meint, das Nationalistische an Lieberman werde durch sein privates keineswegs nationalistisches Sein gewissermaßen halbiert, zumindest verringert. Lieberman ist „teils teils“. Sarkozys Urteil über Lieberman muss aus diesem Grunde falsch sein.
Aber Netanjahu täuscht sich in der Annahme, dass durch die zweite Bestimmung, die er für Lieberman geltend macht, die eine Bestimmung in ihrer Quantität und Qualität halbiert wird. - Halbiert wird nämlich nicht die Bestimmung selbst, d.h. das Nationalistische, sondern nur ihre Totalität, ihre Einseitigkeit, in die sie von Sarkozy gesetzt wurde.
Schon die Empirie lehrt uns, dass an jedem Gegenstand, einem Etwas, einer Sache, einem lebendigen Wesen eine Vielzahl von verschiedenen und gegenteiligen Bestimmungen sind. Alles hat zumindest zwei Seiten, sagen wir, jede Medaille eine Kehrseite. Alles ist positiv und negativ. Wo viel Licht, ist auch viel Schatten. Eine Pflanze mag ein pittoreskes, makelloses grünes Blattwerk haben, wunderschön anzuschauende Blüten, gleichwohl kann sie stinken und dazu äußerst giftig sein. So ist z. B. einer der schönsten Pilze unserer Breiten, der Fliegenpilz, auch giftig.
Bei diesen Beispielen kommt uns gewöhnlich nicht in den Sinn, dass die Bestimmungen, seien es Prädikate, Attribute oder sog. Eigenschaften, indem sie sich quantitativ aufeinander beziehen, durch diese Relation vermindert oder verstärkt werden. Wenn nur die Blätter einer Pflanze giftig sind, ist die Pflanze nur teilweise giftig, aber die Giftigkeit für sich wird dadurch nicht geringer. Ein „Fliegenpilz" ist giftig. Wir halten ihn auch für schön, gleichwohl werden wir ihn nicht verspeisen. Seine Giftigkeit wird durch seine Schönheit nicht vermindert. Die unterschiedlichen Qualitäten berühren sich nicht, sie gehören verschiedenen Sphären an. Ein miserabler Staatsmann kann ein schöner Mensch, ein guter Skatspieler, ein aufopfernder Freund und vieles andere mehr sein, und ein hervorragender Staatsmann kann machtgierig, (Im übrigen: Wer nicht nach der Macht strebt, wird nie ein gescheiter Politiker.) eine autoritäre Persönlichkeit sowie ein Erotomane sein und kommunistische, nationalistische oder fundamentalistische Überzeugungen haben, dieses andere aber entscheidet nicht über seine Qualität als hervorragender oder miserabler Staatsmann.
Allerdings lehrt uns die Empirie auch, - wir brauchen nur die Zeitung aufzuschlagen, - dass der Verstand, besonders wenn es um Menschen geht, die verschiedenen Bestimmungen willkürlich relativiert, d.h. die Qualität einer Bestimmung nach Gutdünken verharmlost oder steigert. Einen verdienstvollen Menschen stoßen wir mit Freude vom Sockel, wenn wir nachweisen können, dass er in einer von seinem Verdienst unabhängigen Situation gefehlt hat, und einem extremen Rechten, Linken oder Fundamentalisten, dem wir das Urteil „Staatsfeind" angehängt haben, räumen mir nicht einmal widerwillig ein, dass er etwas Vernünftiges sagen oder tun könnte. Der Trugschluss ist hier die Regel.
Es ist die Art unseres Denkens, die uns zu Fehlschlüssen verleitet. Der Verstand fasst das Bewegte, Veränderliche, Lebendige, vornehmlich den Menschen, der viele unterschiedene und gegenteilige Bestimmungen in sich vereint, als eine „geometrische Figur" auf. Er nimmt das Lebendige nur in der Bestimmung des Raumes, ohne Zeit, d.h. ohne Negation, Veränderung, Leben. Wird ein Mensch z.B. als eine Art Kreis aufgefasst, lassen sich bei diesem „Modell" die Bestimmungen des Menschen als besondere, quantifizierbare Teile oder Stücke („Tortenstücke") "exakt" vorstellen. Verteilten sich auf einen Menschen zehn Bestimmungen und „nationalistisch" wäre eine von ihnen, umfasste „nationalistisch" bei gleicher Gewichtung aller einzelnen nur 10% der Summe der Bestimmungen. Der gesunde Menschenverstand lässt es allerdings bei dieser Feststellung nicht bewenden, er suggeriert vielmehr, dass das Nationalistische an diesem Menschen unbedeutend oder harmlos ist oder im Falle einer anderen Gewichtung des „Nationalistischen" bedeutend und gefährlich. Das assertorisches Urteil aber, ob gefährlich oder harmlos, zu dessen Behauptung der Verstand fortschreitet, ist nicht mehr als eine bloße Versicherung, die allein in der Subjektivität, der Willkür des Urteilenden ihren Ursprung hat. Ob eine Bestimmung gefährlich oder harmlos ist, ergibt sich nicht aus ihrer quantitativen Beziehung zu anderen, sondern allein aus der Bestimmung selbst.
Widersprechen sich Bestimmungen, wird deswegen von dem einen Gegenteil abstrahiert und das andere total gesetzt oder werden alle Bestimmungen auf eine einzige reduziert, verkommt die geometrische Methode ohnehin. Sie ist in ein Extrem gegangen, in dem die festgesetzte „Wahrheit" reine Heuchelei ist. Der Vorstellung nach ist ein guter Mensch nicht mehr gut, wenn nur ein klein wenig Böses an ihm sein sollte, und ein böser nicht mehr böse, wenn auch nur das geringste Gute an ihm wäre. So hat der Verstand Hitler als total böse gesetzt. Der Kreis, als welcher er vorgestellt wird, soll ungeteilt sein. Der kleinste Hinweis auf einen Vorzug würde ihn teilen und als Verharmlosung des Bösen gelten oder vielleicht einmal den Anlass zu einer neuen Hitler-Verehrung bieten. Andererseits könnte die Tatsache, dass der als total gut gesetzte Jesus als Staatsverbrecher hingerichtet wurde, - also gar nicht so gut ist wie vorgestellt, wieder Grund einer neuen Christenverfolgung werden.
Für die Beurteilung des Politikers Lieberman ist es völlig bedeutungslos, dass er ein netter Privatmann ist. Allein wieweit seine nationalistischen Überzeugungen sein politisches Handeln prägen, ist entscheidend. Wenn er nämlich sein nationalistisches Sein zu einem persönlichen Bekenntnis, zu einem Motiv seines politischen Handelns herabsetzen sollte und seine Einzelheit dem Allgemeinen, dem Wohle des israelischen Volkes opferte, was spräche noch gegen den Nationalisten Lieberman als Staatsmann. Vielleicht könnte gerade er als Nationalist Hervorragendes leisten.
Dieses Denken aber ist Netanjahu fremd. Er ist überzeugt, Liebermans Nationalismus mit dem Hinweis auf sein privates Leben stringent „relativiert“ zu haben. Deshalb überrascht ihn Sarkozys Widerspruch. Dieser antwortet mit einem Beispiel, das dem Netanjahus entspricht, aber den zweiten Gedanken Netanjahus ad absurdum führt. Der Nationalismus Liebermans wird genauso wenig wie der Le Pens durch sein privates, überhaupt nicht nationalistisches Handeln „relativiert", kontert Sarkozy.
Widersprechende Bestimmungen an einem Menschen, das ist der Gedanke, mindern oder verstärken die Qualität der einen Bestimmung in keiner Weise. Sie berühren sich nicht, weil sie verschiedenen Seinsweisen angehören. Sie gehören wohl zur Wahrheit einer Person, aber eine Person ist keine in Sektoren oder Stücke aufgeteilte geometrische Figur, sondern Leben, Werden, Prozess. Im Leben eines Menschen aber sind die widersprechenden Bestimmungen unterschieden, vereint und schlagen ständig ineinander um.
Netanjahu begreift nicht, wie ihm geschieht. Er fasst nur den Widerspruch auf. „Lieberman ist nicht Le Pen", wirft er Sarkozy vor, als ob jener es behauptetet oder auch nur gedacht hätte. Dass Lieberman Le Pen sein könnte, fällt also auf Netanjahu als eine Erfindung seines Denkens zurück. „Und es gibt keinen Grund für einen solchen Vergleich", schließt Netanjahu an. Allerdings nicht! Wenn man davon absieht, dass hier kein „Vergleich", sondern eine „Gleichsetzung" (Identität) gemeint wird, muss sich Netanjahu die Grundlosigkeit seiner Gleichsetzung selbst vorwerfen, weil sie nur seiner Fantasie entsprungen ist.
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