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Etwas ganz Schlimmes muss in unserem Staate passiert sein. Auf einer einzigen Zeitungsseite tobt es dick und fett: „Antisemitischer Vergleich, Antisemitismusvergleich, Nazi-Vergleich, Judenvergleich", nur selten klingt es moderater und vielleicht auch verständlicher: „Historischer Vergleich, Vergleich von Judenverfolgung und aktueller Managerkritik."
Ähnlich stürmt der ganze deutsche Zeitungs-Blätterwald. Aber was ist wohl ein Antisemitismusvergleich, ein Judenvergleich oder ein Nazi-Vergleich? Wer weiß? Sind die besonderen Vergleiche etwa Synonyme für ein und dieselbe Sache? Ist ein Nazi-Vergleich dasselbe wie ein Judenvergleich? Verraten wird es nirgendwo. Keine Zeitung, die hier ein logisches Problem erkennt.
Weil über die Besonderheit des Vergleichs nur gerätselt werden kann, bleibt für die Reflexion eigentlich nur das Allgemeine, der abstrakte Vergleich: Jemand hat einen Vergleich angestellt, nicht mehr und nicht weniger. Nur das Gemüt spürt weiter ein Unbehagen, denn „Nazi" „Jude" „Antisemitismus" das „haut rein", davon lässt sich nicht so leicht abstrahieren.
Glücklicherweise wird der Vergleich näher bestimmt, wenn man denn die vielen genannten Prädikate, Attribute oder auch nur Eigenschaften als Bestimmungen des Vergleichs nimmt. Dieser Vergleich ist „abstrus, unsäglich, dumm, falsch, abenteuerlich, heikel, absurd, unerhört, unverschämt, unsäglich, empörend, unverantwortlich, ein verbaler Fehlgriff, eine antisemitische Entgleisung, eine Beleidigung". Kurz, dieser Vergleich ist schlecht oder böse.
Was hier männlich, nomothetisch daherkommt, sich in einer Maximierung von Urteilen über Urteilen ergeht, beansprucht die Sache recht in Besitz zu haben und ist doch nichts anderes als bloßes Meinen. Die Behauptung, der Vergleich ist ein unsäglicher antisemitischer Vergleich, ist in Wahrheit nur ein Sein-Sollen. Der Vergleich soll unsäglich sein. Das ist bloßes Sollen, solange es nicht bewiesen wird.
Davon abgesehen sind Bestimmungen wie unerhört, unverschämt, unsäglich etc. niemals Momente der Sache (des Vergleichs) selbst, sondern nur für andere, für Außenstehende. Sie liegen im Auge des Betrachters, gehören seiner Subjektivität an.
Sofern nun dieser vielfältig beurteilte und mit Eigenschaften versehene Vergleich nicht nur eine feste Sache für sich, sondern Vergleichen, also Tätigkeit einer Person ist, fallen auch die „Eigenschaften" der Sache in die Tat. Aus der Unverschämtheit des Vergleichs wird so eine Unverschämtheit der Tat eines Täters.
Weil die Tat in vollem Bewusstsein, mit Absicht und Vorsatz ausgeführt wurde, kann sie dem Täter auch als die seine angerechnet werden. Er hat Schuld an der Unverschämtheit. Weil ferner Absicht und der Vorsatz ein Inneres der Person sind, liegt diese Unverschämtheit im inneren Vermögen (z.B. Denkvermögen) des Täters oder seinem Wollen. Das wird dann sogleich ausgesprochen: Er hätte besser aufpassen müssen, hätte sich in der Geschichte vergaloppiert, hätte ein fehlendes Sensorium für ..., er irrlichtere, sei entgleist. Und weil es sich reimt und ein witzig gemeintes Wortspiel ergibt, wird formuliert: „Sinn (gemeint ist der Präsident des Münchener Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn) in der Sinnkrise. Sinn redet Unsinn."
Fazit: Ein honoriger Bürger demontiert, ein Geist dekapitiert.
Weshalb das Ganze? Wie ist es dazu gekommen? Stein des Anstoßes wurden drei Sätze aus einer Rede des Präsidenten des Münchener Ifo-Instituts, die er am 26.10.08 im „Tagesspiegel" zur aktuellen Finanzkrise geäußert hatte.
„In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager."
Folgen wir dem Gedankengang der zitierten drei Sätze des Ifo-Chefs und stellen ihn dar, ohne ihn gleich zu beurteilen.
Der Ifo-Präsident vergleicht die aktuelle Finanzkrise mit einer ähnlichen Krise der Vergangenheit, der Weltwirtschaftskrise von 1929. Bei diesem ersten und für die weiteren Aussagen grundlegenden Vergleich setzt er die Verschiedenheit von Etwas und Anderem voraus und sucht nach einer Identität, einer Gleichheit, einer Gemeinsamkeit. Beide Krisen sind „Systemfehler" (was nicht näher bestimmt wird), bei denen niemand an den „anonymen Systemfehler" glauben wollte. Mit dieser Aussage widerspricht der Ökonom bewusst allen.
In einem weiteren Vergleich (zweiter Vergleich) der beiden genannten Krisen mit jeder anderen Krise findet Hans-Werner Sinn eine zusätzliche Gemeinsamkeit, nämlich ein Verhalten, ein regelhaftes Tun, einen Mechanismus, hartnäckig einen Schuldigen zu suchen, einen Systemfehler zu verleugnen und dann gar einem Unschuldigen die Schuld aufzubürden und ihn als Sündenbock zu opfern.
Sowohl die Finanzkrise wie die Wirtschaftskrise bestätigen diesen Mechanismus (dritter Vergleich). In beiden Krisen werden Unschuldige beschuldigt. Sie sollen als Sündenböcke geopfert werden.
Bei seinem vierten Vergleich wählt der Ökonom eine andere Vorgehensweise. Er setzt die Gemeinsamkeit voraus und sucht nach Unterschieden. Der Finanz- wie der Wirtschaftkrise sind zu Unrecht Beschuldigte gemeinsam. – Letztere gehören aber konkret unterschiedenen Personengruppen an. In der Wirtschaftskrise waren es in Deutschland die Juden (Die Juden sind unser Unglück!) heute die Banker(Feuert sie!).
Beiden Krisen liegt ein gleiches Prinzip zugrunde, das da lautet: alles hat seinen Grund, seine Ursache. In einer Systemkrise aber ist der Grund dem System immanent. Er ist nicht in einem „Umstand“ oder in einzelnen in diesem System tätigen Menschen oder Menschengrupppen zu suchen. Wenn im Herbst die Blätter unserer Laubbäume welken, liegt das nicht am fleißigen oder faulen Gießen unserer Gärtner. Der Grund dafür (Schuld) findet sich in den Bäumen selbst, im System ihres Lebens. Die Wunde, Unschuldige als Schuldige zu opfern, schlägt das gleiche Denken in der Wirtschafts- wie in der Finanzkrise.
Die Behauptung (noch unbewiesen), die Finanzkrise sei ein Systemfehler, ehrt den Präsidenten des Ifo-Instituts, denn trifft sie zu, warnt er uns (implizit): Es steht Schlimmes zu erwarten. Die Krise ist vielleicht Symptom einer Krankheit zum Tode des ganzen Systems.
Bei den Vertretern der freien Marktwirtschaft scheinen ein Hauch Dialektik und heftige Zweifel am System eingezogen zu sein, während die Systemgegner von gestern das System komischer Weise vehement verteidigen. Sie wollen die Systemfehler mit einer Symptomtherapie kurieren, d.h. die Risse an den alten Schläuchen nur einfach mit Flicken zudecken. Sie schleudern ihren Bannstrahl auf die gierigen, unfähigen Manager, auf die „Heuschrecken“, auf die Systemkritiker und zu letzt auf die Boten, die den Irrtum ihres Denkens offenlegen wie Hans-Werner Sinn.
Seine Wahrheit, eine systemische Therapie, die sich notwendig aus seinen Überlegungen ergeben müsste, wird dabei genauso wie er selbst als ein räudiger Köter aus der Stadt gejagt.
Quod erat demonstrandum.
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