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Nomen Ipsum
Der Kampf gegen Rechts
Ein Essay
NICHT DIE, DIE ALS VERBRECHER AN DER GRUNDORDNUNG „MORALISCH“ VERURTEILT WERDEN, SIND DIE STAATSVERBRECHER, SONDERN DIE, DIE DAS RECHT SCHMÄHLICH MIT FÜßEN TRETEN UND UNTER BERUFUNG AUF DAS GESETZ IHRES HERZENS UNRECHT TUN, UM SCHEINHEILIG DIE VERFASSUNG ZU SCHÜTZEN.
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„Der Krieg ist der Vater aller Dinge." - „Ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Sprüche dieser Art hören wir im demokratischen und friedliebenden Deutschland der Gegenwart gar nicht gern! Der weise Heraklit ein Kriegsverherrlicher? – Der sanftmütige Friedensbringer Jesus ein Kriegstreiber?
„Frieden auf Erden", „andauernde Freiheit", diese Wahrheit verkünden wir lieber fromm unseren Kindern. Wir lassen sie eine Kerze anzünden und brav ihr Taschengeld für die leidenden Kinder am Ende der dritten oder vierten Welt opfern. Friede, Freude, Eierkuchen! – Derweil lauschen wir wohlwollend den sonoren Aufforderungen der Medien: „Auf, auf zum Kampf, zum Kampf sind wir geboren". Wir finden überhaupt nichts Anstößiges dabei, merken nichts. Es rutscht runter wie eine Auster. Allemal sind wir bereit zu kämpfen und siegen für dich: Frieden, Freiheit, Demokratie. In Afghanistan, im Nahen Osten, auf dem Balkan, im Kaukasus und wenn es sein muss im Ural.
Aufpassen müssen wir gleichwohl allenthalben, denn ob ein Aufruf zum Kampf gut oder verwerflich ist, entscheidet nicht sein Inhalt oder Gedanke, sondern ob ein „Guter" oder "Böser" sein Urheber ist. Wenn z. B. die freche Gassendirne, unsere Einheitszeitung, die alle anlügt, die ihr glauben und jeden denunziert, den sie kann, schreiben sollte, jemand habe proklamiert, „die Freiheit stand auf in Deutschland und Morgen gehört ihr die Welt", haben wir sofort aufzuspringen und zivilcouragiert und political correct aufzuschreien: „Die braune Katze ist aus dem Sack. Das haben die Nazis gesagt" oder mit dem letzten großen „Sinnanbieter“ Luther einen Kugelschreiber zu werfen und dabei zu rufen: „Zurück in des Teufels (braunes) Arschloch, dem du entkrochen bist!“
Tatsächlich ziehen wir unentwegt in den Kampf - für ein Gutes gegen ein Böses. Wir lieben das Gute und hassen das Schlechte. Nichts lassen wir bestehen, alles soll neu und besser werden. Sogar der gläubige Pazifist kämpft fanatisch, wenn es um seine Überzeugung geht. Er erklärt zwar nicht dem Krieg den Krieg. Ein Friedenskämpfer ist er allemal. Sein Kampf, seine Polemik ist nach innen gerichtet. Nicht weit entfernt von Heuchelei. Zumindest kann dieser Kampf im höchsten Widerspruch enden, im Erreichen eines Friedens, der der Tod ist. Kein Wunder, denn wir würden nicht einmal das Wort Frieden kennen ohne das Wort Krieg.
Schlagen wir nur an einem x-beliebigen Tag Anfang des Jahres 2009 die Zeitung auf.
Sogleich werden wir angestachelt und aufgewiegelt zu einer „umfassenden nationalen Kraftanstrengung beim Kampf gegen eine drohende Rezession". Wir müssen die „Armut - besonders bei Kindern – bekämpfen", „unsere Kräfte sammeln zum Kampf gegen die Heuschrecken, gegen die Gier im Allgemeinen und im Besonderen die der Manager oder Wirtschaftsbosse". Selbstverständlich müssen wir „weiter kämpfen für soziale Gerechtigkeit, für eine weitergehende Gesundheitsreform, für eine umfassende, bessere Bildung" und dgl. mehr.
Bei diesen Kämpfen ist die Angst unser wichtigster Verbündeter. Sie ist nützlich, sie stärkt unsere Kampfbereitschaft. Die Angst wird geschürt. Es wird richtig Feuer gemacht. - Denn wenn es im Hause brennt, kämpft selbst die größte Trantüte einen Kampf der Verzweiflung.
Bereits jetzt „rüsten die großen Parteien zum Vorwahlkampf". In den nächsten Wochen werden dann alle „inneren Diskrepanzen beseitigt“, um „entschieden und geschlossen in den Wahlkampf zu ziehen“. Es gilt dann erneut „Wahlkreise direkt zu erobern und eine Mehrheit zu erkämpfen". Nur so kann dann in Berlin „für eine gemeinsame Parteipolitik gekämpft" werden: „Soziale Gerechtigkeit, Arbeit und würdige soziale Teilhabe bis zuletzt".
Als Kampf aller Kämpfe gilt weltweit der Kampf gegen den Terrorismus: War against terrorism. Er rangiert noch vor dem Kampf gegen „das Reich oder die Achse des Bösen".
Nur Deutschland hat andere Prioritäten gesetzt. Der Kampf gegen den Terrorismus findet hier kaum Beachtung. Warnungen des BKA oder anderer Schutzinstitutionen werden abgewiegelt: „Kein Anlass zur Hysterie". An erster Stelle steht hier der „Kampf gegen Rechts". Millionen Euro werden dafür zur Verfügung gestellt, Einrichtungen, Institute und Zentralen gegründet, die „Bürgergesellschaft wird mobilisiert, wachsam und mutig Flagge zu zeigen, Netze werden landesweit gespannt, um die braunen Plagegeister zu fangen und die braune Brut zu ersäufen". Rechts, worunter die Namen Rechtsextremismus, Faschismus, Revanchismus, Revisionismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit subsumiert werden, soll das „friedliche, demokratische Klima in unserem Lande nicht weiter vergiften und schleichend untergraben".
Der „Kampf gegen Rechts" soll ein Kampf gegen eine Sache sein, aber er wird formuliert als einer gegen eine Meinung, eine Überzeugung, einen Geist, ein bestimmtes Sein. Gehasst wird dieses Sein nach dem Motto: „Faschismus ist keine Meinung - Faschismus ist ein Verbrechen“. Er manifestiert sich schließlich ausnahmslos als Kampf gegen Menschen und Hass auf sie. Wer das Böse, Schlechte, das Verbrecherische hasst, hasst Menschen.
Beim „Kampf gegen Rechts“ wird also gegen kein gesetzlich festgelegtes verbrecherisches Tun gekämpft, sondern gegen ein bestimmtes inneres Sein von Menschen, das mit dem bloßen Namen „Rechts“ verbunden werden kann und damit als unmittelbar identisch vorgestellt wird. Der Name „Rechts“ ist so allein das Verbrechen.
Ist der Name (nomen ipsum) aber das Verbrechen, wird der Kampf gegen Rechts an sich als ein abstrakter Kampf gegen eine Schimäre geführt. Allein dadurch, dass dieser Name mittels obskurer Urteile und einem Netz voller Irrschlüsse (Tautologien) Menschen angeheftet wird und so die Verfassungs- oder Staatsfeinde, die hostes rei publicae, erst geschaffen werden, gibt sich der „Kampf gegen Rechts" den Anschein der Gediegenheit. Auf diesem Hintergrund kann er auch als gerechter Verteidigungskampf der Demokratie propagiert und von der Öffentlichkeit als solcher blind erkannt und anerkannt werden.
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Gewaltfrei soll der Kampf sein, friedlich, denn die Kampfmittel liegen in dem „Wissen, auf der richtigen Seite zu stehen“, in der Moral, dem Gesetz des Herzens und dem Richtspruch der Öffentlichkeit. Gleichwohl, das Zeichen in dem gekämpft, gesiegt und der Feind vernichtet wird, lässt von der beabsichtigten Gewaltfreiheit nichts übrig. Es ist die „Faust, die dem rechten Banditen ins Genick fährt“.
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Unterbrechen wir für einen Moment die weitere Erörterung des dargestellten Sachverhalts, aber enthalten uns einer Stellungnahme oder eines Urteils. Letzteres wäre vorschnell. - Wer kennt es nicht das Unbehagen, das uns beschleicht, wenn uns der Kampf in der Welt, im Staat, im eigenen privaten Lebensraum bewusst wird. Müssen wir wirklich immer und um alles kämpfen? Was ist, wenn wir nicht mehr kämpfen, sondern nur noch satt und voll ruhen wollen? Aber wenn wir schon kämpfen müssen, gegen was, gegen wen, mit welchen Mitteln? Können wir gegen „Rechts“ kämpfen, wenn wir nicht wissen, welche Anschauungen, Gesinnungen, welche Lehren sich hinter dem Namen Rechts verbergen? Kann man überhaupt gegen eine Gesinnung kämpfen? Versuchen wir, diesen Fragen nachzugehen. Denken wir sie wenigstens an – Erschöpfendes werden wir nicht leisten können. Vielleicht ergibt sich durch einen groben Überblick über die Geschichte des Kampfes des Menschen wie von selbst ein halbwegs sicheres Urteil über den großen deutschen Kampf der Gegenwart.
Wie kommt der Mensch zum Kampf?
Seitdem der Mensch sich seiner selbst bewusst geworden ist, seitdem er sich in Gemeinwesen zusammengefunden und eine Geschichte hat, kämpft er unentwegt mit Absicht und Vorsatz für oder gegen etwas.
Gekämpft hat er bereits im Urzustand, mehr oder minder bewusstlos, dem Instinkt der Natur gehorchend. – Wir nennen es den Kampf ums Überleben. Diesen Kampf hat der Mensch gemeinsam mit allem Lebendigen überhaupt. Es ist der Kampf des Lebens. Kampf ist dem Leben nicht nur immanent, sondern Leben selbst ist Kampf. Sei es auch nur, dass das Lebendige um sein Anderes, seine Nahrung ringt, um Luft, Licht und Wasser.
Der vorgeschichtliche Mensch kämpft bereits gezielt und bewusst (noch nicht selbstbewusst) um Territorien, um Behausung, Kleidung, Brennmaterial, Nahrungsmittel. Er kämpft gegen die Unbill der Natur. Dabei nimmt er die Kampfesmittel aus ihr und wendet sie gegen sie. Sein Kampf soll seine Not wenden. Kampf ist in diesem ganz äußerlichen Sinne notwendig – bis heute. (Inwiefern sich der Kampf logisch oder notwendig aus dem Begriff des Lebens ergibt, wird hier nicht ausgeführt.) In die vorgeschichtliche Zeit fällt auch die Besonderung und Vereinzelung der Gegenstände, um die gekämpft wird, genauso wie die Zergliederung, ja Atomisierung der Waffen oder Kampfesmethoden.
Bei all diesen vorgeschichtlichen Kämpfen tritt von Beginn an ein besonderer Kampf hervor, der Kampf des Menschen gegen den Menschen. Die Natur, die den Menschen hervorbringt und erhält, ist ihm schon ein arger Feind, sie schickt ihm Sturm, Kälte und Hitze, Dürre und Regenguss, Seuchen und Katastrophen und schließlich den Tod, aber der Mensch ist sich selbst noch ein viel ärgerer Feind. Er kann sich Schlimmeres als nur physische Verletzung und Vernichtung bringen.
Der Urmensch, der mit viel Mühe und nach harter Anstrengung eine Wasserstelle entdeckt und diese für sich gesichert hat, betrachtet dieses Wasser, um das zu erlangen, er lange gekämpft hat, als sein Wasser, sein eigenes Wasser, sein Eigentum, das seine zukünftige Existenz sichert. Er meint, er hat ein Recht darauf erworben und ist allemal bereit, um sein Eigentum und sein Recht darauf zu kämpfen. Der andere aber, der sich genauso angestrengt hat, dem aber das Glück nicht hold war, der in seinem Herzen das gleiche Recht auf die Wasserstelle fühlt, sieht sich in seinem Recht verletzt. Ihm ist Unrecht geschehen! Er schreit es hinaus und erklärt die Aneignung durch den einen als Diebstahl. Er folgt nur dem Gesetz seines Herzens, wenn er angreift, um dem Dieb seine Beute zu entreißen. Der eine aber widerspricht ihm. Er verteidigt mit dem gleichen Recht, dem Gesetz seines Herzens das, worin er seinen Willen gelegt und was er zu seinem Eigentum gemacht hat. Beide kämpfen gegeneinander um das Wasser, aber sie kämpfen noch erbitterter um ihr Recht, um ihr Recht auf Eigentum und ihr Recht auf Existenz.
Bei diesem Kampf fühlt sich jeder selbst im Recht und setzt den anderen ins Unrecht. Der eine fühlt sich zu Unrecht angegriffen, der andere zu Unrecht um sein Eigentum betrogen. So ist jeder dem anderen sein Feind. Und weil das Unrecht-Tun mit Wille und Vorsatz ausgeführt, im Willen, also im Inneren des Feindes liegt, wird der Feind zum bösen Feind.
Zu Unrecht im Unrecht zu sein, ist Leid, Schmerz und Kränkung im Gefühl und Bewusstsein. Ein unglückliches Bewusstsein spiegelt den dem Menschen eigentümlichen Widerspruch im Gefühl und Bewusstsein wider. Um ihn aufzuheben, verwandelt sich das Unglücklichsein allzu leicht in Wut und Hass, die dann zu grausamsten Taten den Anlass geben können, aber immer nur als Wiederherstellung des Rechts gefühlt werden.
Der Stärkere, den die Umstände, das Glück, die Kräfte, die Waffen begünstigen, gewinnt. Sein Herzensgesetz, seine Moral, sein subjektives „Recht“ erweist sich als das Geltende. Es ist aber nur das Gesetz des Stärkeren. Der Lauf der Dinge aber ist, dass ein Stärkerer kommen wird. Der Mensch weiß es und er baut sich eine Burg.
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Mit der eigentlichen Menschwerdung, dem Selbstbewusstsein, dem Wissen um die dem Leben innewohnende permanente Negation und der Erkenntnis selbst endlich zu sein, nichts festhalten und unwiderruflich sichern zu können, befällt den Geist zugleich ein Grauen. Der Mensch erzittert. Fortan ist in seinem Bewusstsein ein steter Schmerz, ein Widerspruch. Er weiß von etwas (seinem Ausgesetzt- und Verworfensein, seinem Leid und seiner Endlichkeit), wozu er bestimmt ist, wozu er aber nicht bestimmt sein möchte. Mit dem Widerspruch entsteht so der geistige Trieb und der Wille zum Kampf, diesen Widerspruch durch Erkenntnis aufzuheben und durch ein bestimmtes Tun, eine bestimmte Praxis gegenstandlos zu machen. Alle großen Einsichten und Erkenntnisse des Orients formulieren diesen Trieb als einen Schrei aus der Tiefe. Aus Verzweiflung geht der menschliche Geist daran, das Universum theoretisch und praktisch zu durchdringen. Er sammelt und proklamiert Ansichten, Überzeugungen, Prinzipien und Lehren. Er gibt sich eine Religion und entwickelt Kultus und Kultur mit der Intention und dem Ziel, den Widerspruch aufzuheben, von Leiden, Schmerz und Hunger, von allem Übel zu befreien, dem Tod seinen Stachel zu nehmen, Erlösung zu erlangen und letztlich unsterblich zu sein.
Der Mensch findet sich vom Familienverband, der Sippe, der natio ausgehend in größeren Gemeinschaften eines Geistes, einer Religion zusammen. Er bringt große blühende Reiche, Staaten, wunderbare Lebensumstände und Verhältnisse hervor. Schon die „Gottesstaaten“, in denen religiöse Überzeugung und säkulare Prinzipien der Staatsordnung und -verfassung noch ungetrennt sind, schaffen das Recht (Gesetz) als von Gott gegeben (nicht als Gesetze der Freiheit, nicht von Menschen gesetzt). Es ist ihre größte Leistung. Es löst innerhalb der Staaten das Gesetz des Herzens ab, das aber weiter im Gefühl und in der Vorstellung, also subjektiv als Moral fortbesteht.
Der Kampf um Land, Bodenschätze, um das Recht darauf, um das Existenzrecht etc. verliert an Bedeutung und eine völlig neue Art des Kampfes erscheint und beherrscht fortan die Menschheit, der Kampf des Geistes gegen den Geist. Der Geist wie er sich in der Meinung, Anschauung, Überzeugung, Lehre und der daraus resultierenden Praxis, d.h. als „Religion“ (Heilslehre) konkretisiert, ringt um Anerkennung und allgemeine Gültigkeit. Er ist polemisch, kämpferisch. Mit seiner „Religion“ ist der Mensch unmittelbar identisch. Sie ist ihm das Wahre, woran „sein Herz hängt“, das ihm sein Heil sichern soll. Er verteidigt die „Überzeugung vom Heil“ mit seinem Leben und kämpft darum, dass sie die „Religion“ aller wird. „Du sollst keine andere Religion, keine anderen Götter haben! Deine Religion allein ist Garant deiner Erlösung.“ Selbst wenn sie der Welt das Heil nur verkündigen will, ist sie polemisch. Und wenn sie in anderen „Religionen“ nur das Unglück der Menschheit heraufziehen sieht, tendiert die Polemik zu einem Vernichtungskampf.
Die großen und erbitterten Kämpfe der zivilisierten Menschheit sind Kämpfe des Geistes. Es geht immer um die Wahrheit. Jede Weltanschauung, jede Religion im engeren Sinne, sowie jede Idee, die der Verfassung eines Staates zu Grunde liegt, will das Heil bringen. Das Heil einem Land oder gar der Welt zu bringen, darum kämpft noch heute jede religiöse und politische Überzeugung, jede Partei, der Osten wie der Westen.
Weil aber der Geist frei ist und niemals durch einen anderen zu besiegen, es sei denn, er gäbe sich selbst auf, geht der Kampf gegen die Physis, worin der Geist der Vorstellung nach hausen soll. Nur über seine Körperlichkeit lässt sich also der Geist mittelbar bekämpfen und besiegen. Die Körper nämlich lassen sich beeinträchtigen, foltern, einsperren oder vernichten. Seit altersher gilt deswegen der Satz: „Widersprichst du meinem Geist oder willst du nicht meines Geistes sein, schlag ich dir den Schädel ein.“ Die alten Stammesstaaten des Orients gaben mit einer militärischen Niederlage ihre Religion, ihren Geist, auf. Ihr Gott, ihr Geist, hatte verloren, er taugte nichts. Der Gott des Siegers aber hatte bewiesen, dass er der wahre Gott war, den anzubeten die einzige Rettung bot.
Auf dem Altar dieses Kampfes des Geistes gegen den bösen Geist sind seither die Riesenströme von Blut geflossen.
Das 20.Jahrhundert liefert dafür den überzeugenden Beweis. Das Wüten der Geister gestaltete sich zu einem Inferno von Vernichtungskriegen, die nicht einmal mit einer totalen militärischen Niederlage ihr Ende fanden, sondern bis in die Gegenwart fortgeführt werden.
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Den großen Reichen des Orients, wo die Religion sich noch nicht von der der staatlichen Ordnung zu Grunde liegenden Idee unterschied und die Wächter der Religion, die Priester, zugleich Wächter der Gesellschaft überhaupt waren, entstand mit den Hellenen ein Antipode. Der Geist der Verfassung der griechischen Staatsordnung hatte sich von der Religion und ihrem Pantheon voller Götter emanzipiert. Die freien Griechen, bei denen sich das Denken das erstemal als frei für sich aussprach, gaben sich ihre Staatsordnung selbst. Die Philosophie, die Wissenschaft, die Künste (Technik), das Denken des Menschen schickte sich an, die Geschicke des Menschen zu lenken. Die von den Bürgern gewählten Staatslenker unterstanden nicht mehr einer Priesterschaft und die Staatsordnung beanspruchte nicht mehr, den Menschen das Himmelreich zu bringen. Die Staatsordnung war weltliche Ordnung und das Recht menschliches Recht, d. h. die Gesetze waren frei gesetzt, nicht von Gott verordnet. Gleichwohl versprach die Staatsordnung mit ihren zugrunde liegenden Prinzipien und Ideen den Menschen das (weltliche) Heil: Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Größe.
Mit dem Dualismus zwischen sakraler und säkularer Idee entstanden nicht nur Kämpfe und Kriege zwischen Religionen und weltlichen Heilslehren, sondern innerhalb der Religionen Streitigkeiten mit Andersgläubigen, Ketzern und Abweichlern und innerhalb der Staatsordnungen Kämpfe gegen die Verfassungs- bzw. Staatsfeinde.
Den ersten überlieferten, blutigen Kampf gegen einen „Verfassungsfeind“ lieferten sich die griechischen Stadtstaaten in Süditalien mit dem Bund der Pythagoräer. Obwohl die Einzelheiten dieser Auseinandersetzung weitgehend im Dunkeln liegen, sind doch die den Kampf determinierenden Vorstellungen und Gedanken deutlich.
Mit Pythagoras und seinen "Jüngern" trat das erste Mal in der Geschichte eine orientalisch geprägte Lebensgemeinschaft polemisch in Europa auf. Die Pythagoräer waren untadelige Leute und im Vergleich zu den Griechen überaus gebildet. In einer Art Orden lehrten und führten sie ein streng moralisch geordnetes Leben nach den Regeln des Pythagoras, getrennt von den übrigen Griechen. Als Ausdruck und Zeichen ihrer Gesinnung, ihrer Lehren und ihres Lebenswandels legten sie sich eine besondere, eine weiße Kleidung zu.
Aus ihrer Absonderung heraus aber nahmen die Pythagoräer Einfluss auf das öffentliche Leben. Sie führten Bildung in Form einer Schule in Europa ein. Aber sie versuchten auch ihre Ideen, ihre Lebensweise bis hin zu ihrer Kleidung den Griechen aufzudrängen und das politische Handeln der jeweiligen Polis mitzubestimmen.
Die Absonderung aber und die Einflussnahme auf den Staat widersprachen nicht nur dem freien öffentlichen Leben der Griechen, das sich weitgehend auf der Agora abspielte, wo selbst die wichtigen politischen Entscheidungen ausdiskutiert wurden, sondern dem Geist der Staatverfassung in seinem wesentlichen Element der Freiheit, der freien Selbstbestimmung. Verordnete Lebensregeln, Vorschriften, so gut sie auch sein mochten, gefährdeten gleichwohl die Freiheit des Geistes, der seine Lebensregeln selbst setzte, aufhob, veränderte oder erneuerte.
Der Bund der Pythagoräer wurde übler Verbrechen bezichtigt, er wurde zerstört und die Pythagoräer ermordet, vertrieben und auf Dauer verfolgt. Eine geistige Auseinandersetzung mit den Lehren des Pythagoras und dem Tun der Pythagoräer fand dabei nicht statt. Ein Geist siegte über einen anderen, indem er letzteren zum Verbrechen erklärte und durch Ausrottung seiner Träger versuchte auszuradieren. Der Geist der Pythagoräer überdauerte hingegen, ob nun als der jedem Schüler vertraute Satz des Pythagoras oder als heiligste Vorstellung der Christen, der Trinität, in die das Monos- Dyas-Trias der Pythagoräer Eingang gefunden hat.
Hundertfünfzig Jahre später wurde Sokrates in der griechischen Polis Athen wegen eines Staatsverbrechens zum Tode verurteilt. Sein Verbrechen: Widerspruch gegen die Staatsordnung, das heißt Zersetzung der gegebenen öffentlichen Ordnung. Indem das Gericht aber, welches das Todesurteil sprach, selbst gerichtet wurde und die Richter verurteilt, wurde der Widerspruch gegen die bestehende Verfassung selbst zu einem Moment der Staatsordnung. Die Verfassung wurde nicht mehr als ein für allemal gegeben aufgefasst, sondern als lebendig, verbunden mit einem inneren Widerspruch. Widerspruch sollte man meinen, gehöre seither als Kennzeichen eines ordentlichen, in der Entwicklung befindlichen, also lebenden Staates auch zu seinem Wesen.
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Einige hundert Jahre später war Rom zum Imperium des Abend- wie des Morgenlandes aufgestiegen. Nach jahrhundertelangem Kampf reichte die Macht dieses Reiches von Britannien bis zum Zweistromland. Das römische Schwert hatte alle durchbohrt. Alle Götter der unterworfenen Völker waren dahingesunken, Roms Macht über die Stadt und den ganzen Erdkreis war gottgleich, ja Rom war göttlich, der Gott der Götter.
Indem sich aber Rom über die ganze Welt ausgebreitet hatte, entschloss sich diese Welt zu einem Marsch nach Rom und untergrub das Reich. Aus den besiegten Ländern am Ende der Welt strömten die Völker nach Rom und sie brachten nicht nur ihre Kultur, sondern ihren Geist, ihre Religion mit.
Ähnlich heute waren die Verhältnisse im Römischen Reich im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung „globalisiert“. Im Imperium lebten, handelten und beteten die unterschiedlichsten Nationen mit ihren Sitten und Gebräuchen. Eine multikulturelle Gesellschaft wie sie seither die Erde nicht mehr gesehen hat. Nur selten wuchsen sich die Unterschiede zu Widersprüchen aus, denn alle Abweichungen blieben unwesentlich und schienen austauschbar zu sein. Synkretismus nennen wir das „friedliche“ Nebeneinander der Religionen im Imperium, eine Bezeichnung, die weit entfernt von Toleranz nur die Gleichgültigkeit, Indifferenz der religiösen Glaubensrichtungen und Kulte zu einander ausdrückt. Die Tugenden, die Werte im Imperium waren atomisiert, alles schien seine Berechtigung zu haben. Ein Wertechaos. In welchem Tempel man betete, war egal. Was in ihm verehrt wurde, es konnte Mammon sein, wechselte wie die Jahreszeit, wie heute die Mode.
Äußerlich hielt das Reich die gemeinsame Sache, die res publica, zusammen in Form der gemeinsamen Bedürfnisbefriedigung und der Teilhabe an der riesigen Macht, innerlich die Pax Romana, die sich wie eine Glocke über den Orbit stülpte. Gediegenheit schließlich gab dem Reich das Recht!
Dieses Rom der Cäsaren war aus hartem äußeren und inneren Kampf hervorgegangen. Die Verfassung (der Geist) dieses Staates hatte sich unter äußerster und ständiger Herausforderung gefestigt. Sie sollte unantastbar sein. Sehr schnell nahm sie den Rang einer alle Volksreligionen umfassenden gewissermaßen säkularen Religion ein. Der Kaiser personifizierte den Geist Roms, dessen Anspruch, Heilserwartung und Versprechen, das Heil zu bringen. Er setzte sich zum Gott, dem alle, egal welcher Religion sie sonst angehörten, zu opfern hatten, und als pontifex maximus, als oberster Wächter der Religion, garantierte er zugleich ihren Fortbestand.
Einen Dorn im Fleisch des Riesenreichs bildeten die Juden, die sich besonders nach der Zerstörung Judäas über das ganze römische Reich verteilten. Dass sie zerstreut im Riesenreich, z.T. auch in großen Gruppen, wie in Rom, Alexandria oder Südfrankreich dennoch nicht zu Staatsfeinden, hostes rei publicae wurden wie die Pythagoräer in der griechischen Polis, verdankten die Juden den Eigenarten ihrer Religion.
Im Gegensatz zu den Pythagoreern traten die Juden im römischen Reich nicht offen polemisch auf. Ihre Polemik beschränkte sich auf ihre Undurchdringlichkeit. Im Gegensatz zu den meisten anderen orientalischen Religionen hielten sie selbst im römischen Exil an ihrem Gott fest. Andere Götterkulte machten sie nicht mit, selbst das Kaiseropfer verweigerten sie. Aber sie blieben für sich und nahmen nur beschränkt Einfluss auf die übrige Gesellschaft. Ihrer Überzeugung nach war die Geschichte der Juden die „Geschichte Gottes mit seinem Volk“. Sein aus der Verworfenheit auserwähltes Volk waren die Juden. Es gab wohl andere Völker, die auch Gott zu gehorchen hatten, aber wie sie ihre Gerechtigkeit erlangten, konnte nicht Sache der Juden sein. Sie wollten weder missionieren noch der übrigen Welt das Heil bringen.
Die Juden im römischen Imperium wollten toleriert werden und die Römer, die von ihnen keine Gefahr für den Geist der römischen Verfassung ausgehen sahen, taten ihnen den Gefallen. Unter den genannten Voraussetzungen konnten sie die Juden leiden (tolerieren). Wenn dennoch Streitigkeiten die öffentliche Ruhe störten wie zeitweilig in Alexandria, wuchsen sie sich nie so aus, dass die Juden zu Verfassungsfeinden erklärt wurden.
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Der größte und längste Kampf des Geistes gegen den Geist, den die Weltgeschichte je gesehen hat, war der Kampf Roms gegen das Christentum. Eine Staatsidee kämpfte gegen eine Religion. Nach vierhundert Jahren hatte die Religion das Riesenreich schließlich total besiegt und Rom sich besiegen lassen. Zeichenhaft wurde die Akademie der Platoniker in Athen 529 geschlossen und der griechisch-römische Geist zu Grabe getragen. Für beinahe 1000 Jahre fiel Europa in geistige, kulturelle und zivilisatorische Dunkelheit.
In Wahrheit hat Rom allerdings nie einen Kampf gegen das Christentum als Religion geführt. Es ist gespenstisch zu sehen, aber eine geistige Auseinandersetzung hat vier Jahrhunderte nicht stattgefunden. Rom hat nie einen Begriff davon gehabt, gegen was es eigentlich kämpfte.
Rom hat gegen die Menschen, die Christen gewütet. Es hat sie gedemütigt, gefoltert, in den Kerker geworfen, von Tieren zerfetzen lassen, auf alle erdenkliche Art hingerichtet. Es wollte sie alle vernichten, was aber die Religion in keiner Weise berührte. – Es brachte die Lehre nicht einmal in Misskredit, im Gegenteil, der Ruf der Vorbildlichkeit ging ihr schnell voraus und verhalf den Christen zu kontinuierlich wachsender Popularität.
Der Kampf gegen die Christen war für die Römer ein zermürbender Krieg gegen seinen größten Staatsfeind, zu dessen Niederringung alle üblichen Kampfmittel gegen Verbrecher eingesetzt wurden. Für die Römer waren die Christen Verbrecher. - Für die Christen waren es die Römer; für sich selbst waren sie nur die Opfer.
Nirgendwo in der Geschichte wird die Beschränktheit des Verstandes, der nicht in der Lage ist, sich von seinem Standpunkt auch nur einen Schritt zu entfernen, so deutlich wie beim Kampf Roms gegen seinen ärgsten Feind. Für Rom waren die Christen an und für sich (objektiv) Verbrecher. Der Verstand beharrte auf seinem Standpunkt und setzte ihn total. Der andere Standpunkt war für ihn verrückt. Er erkannte nicht, dass es sich dabei nur um seinen eigenen verrückten Standpunkt handelte. Nie fragte er, was der andere für sich selbst und was er für den anderen war.
Bei allen großen Kämpfen der Gegenwart, den landesinternen wie dem „Kampf gegen Rechts“ oder den weltumspannenden kalten und warmen Kriegen begegnet uns diese Hartnäckigkeit des Verstandes, seinen jeweiligen Standpunkt für die Wahrheit zu erklären, dass es allein deshalb zu neuen Kämpfen kommen kann. Dabei wäre uns schon geholfen, nur aufzufassen, dass das, was etwas für den einen ist, für den anderen etwas anders. So mag Löwenzahn für den Ziergärtner ein arges Unkraut sein, für den Nutzgärtner, der sich zugleich als Gourmet versteht, ein köstlicher Salat, also eine Nutzpflanze, für Kinder eine Pusteblume, für den Biologen ein asternartiger Korbblütler und für sich selbst vielleicht alles dies in Einheit oder etwas ganz anderes. Vom Standpunkt der geltenden Staatsordnung, die sich als Ordnung aller begreift, ist derjenige, der gegen sie aufbegehrt ein Staats- oder Verfassungsfeind, während jener für sich selbst nur gegen die Erniedrigung und Unterdrückung durch eine despotische, die Wahrheit verkehrende Staatsordnung zu kämpfen meint.
Das Christentum, aus dem Judentum hervorgegangen, war eine Religion des Orients, die die Undurchdringlichkeit des Judentums bewahrte, aber sich zusätzlich polemisch an die Welt wandte, um ihr die frohe Botschaft von der Erlösung zu verkünden. „Gehet hin in alle Welt“ lautete die Parole der Christen. Und sie gingen. In kürzester Zeit breitete sich ihre Botschaft mit ungeheurer Dynamik und Effizienz im römischen Reich aus
Mit den Christen war den Römern nicht nur ein mit anderen konkurrierender „Sinnanbieter“ auf dem Markt erschienen wie mit vielen anderen Kulten vorher und nachher. Die Christen, selbst undurchdringlich und intolerant, traten offensiv gegen alle Religionen und Kulte auf und ihre Lehre, wovon die Römer allenfalls ahnten, enthielt eine offene Kriegserklärung an das Römische Reich, an das „Tier, den brüllenden Löwen, der die Lämmer reißt“. Für die Christen war das Römische Reich das zum Untergang geweihte Reich des Bösen und die Römer Sünder (Verbrecher), die in der Hölle schmoren würden. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ verkündeten sie, womit sie Roms Erwartung, durch „Brot und Spiele“ das Heil zu erlangen, empfindlich antasteten. Und worauf war noch die Pax Romana gegründet, wenn Jesus allein der Friedefürst sein sollte?
Was die Römer wahrnahmen und was ihnen mörderische Angst machte, war das Auftreten der Christen und die gesellschaftlichen Veränderungen, die sie bewirkten. Das Christentum blieb auf keine einzelne Nation beschränkt. Schnell war aus der national-jüdischen „Sekte“ eine internationale Religion mit universellem Anspruch geworden. Das Christentum riss Volksgemeinschaften auseinander, brachte Kinder gegen ihre Eltern auf, stellte soziale Strukturen auf den Kopf. Die Christen provozierten das Imperium, indem sie geschlossen das Kaiseropfer verweigerten, und was manche Römer besonders erboste, beeinträchtigten sie die Wirtschaft, schädigten sie doch offensichtlich Gewerbe, die mit dem Götterkult und der Ausrichtung der Spiele verbunden waren.
Rom muss früh gespürt haben, was auf das Reich zukam, denn bereits Mitte des 1. Jahrhunderts war das Urteil über die Christen gefällt. Sie wurden zu den Verbrechern innerhalb des Römischen Reiches schlechthin gestempelt.
Weil sich aber keine Verbrechen der Christen im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung nachweisen ließen, blieb es beim Verdacht und der bloßen Projektion schändlicher Vergehen auf und in die Christen. Über die christlichen Versammlungen kursierten schnell die übelsten Gerüchte und Verdächtigungen: Kindermord stand oben an, gefolgt von Giftmischerei und Zauberei. Natürlich auch scheußliche Unzucht, ein Verbrechen, das seit 2000 Jahren regelmäßig allen Trägern einer neuen Überzeugung, Gesinnung, Religion oder Ideologie oder Fremden, die einem zu nahe treten, unterstellt wird.
Der Pauschalverdacht gegen die Christen, den Umsturz der staatlichen Ordnung durch Zauberei und Giftmischerei zu betreiben, behauptete sich in Rom hartnäckig. Er wurde bestärkt – so die allgemeine Überzeugung - durch die Tatsache, dass schon Jesus als Staatsverbrecher hingerichtet worden war. Verdichtet und allgemeine Gültigkeit erlangte der Verdacht spätestens mit dem Brand Roms. Die dort verhängten Todesstrafen, Kreuzigen, Verbrennen (Fackeln Neros) und das Zerreißen der in Tierhäute eingenähten Delinquenten durch Hunde, die Strafen, die für Giftmischerei und Zauberei verhängt wurden, belegen, wie man sich die verbrecherische Ausführung des Staatsumsturzes vorstellte. Da die Verbrechen Kindermord, Giftmischerei, Zauberei, Umsturz der staatlichen Ordnung nun im Inneren der Christen, ihren Motiven, Absichten, Vorsätzen und ihrer Gesinnung liegen sollten und überhaupt das Christ-Sein auszumachen schienen, etwas anderes wurde nicht erkannt und anerkannt, hätte die Kampfesparole beim Kampf gegen das Christentum lauten können: Christ-Sein heißt Verbrecher-sein. Die christliche Gemeinde selbst, modern gesprochen, wurde zu einer verfassungsfeindlichen kriminellen Vereinigung, die Christen offiziell zu hostes rei publicae erklärt.
Nachdem die römische Rechtsprechung sich pflichtgemäß der Verbrechensbekämpfung angenommen hatte, reichte es deshalb auch aus, sie allein wegen ihres Christ-seins, wegen ihres Eingeständnisses, Christ zu sein oder diesen Namen zu tragen, ohne jeglichen Verbrechensnachweises zum Tode zu verurteilen. Ja es reichte schon aus, sie als Christen anzuzeigen.
Die Pflicht, Verbrechen zu verfolgen, beschränkte sich nicht auf die Behörden. Jeder war aufgefordert entsprechend seinem Stand und seiner Möglichkeiten, dabei mitzuhelfen. Da es allein ausreichte, jemanden als Christ anzuzeigen, um die Justiz in Gang zu setzen, enthielt die Aufforderung, Verbrechen aufzudecken, zugleich die Möglichkeit zu übelstem Denunziantentum. Der gerechte Volkszorn konnte sich entladen. Die Menge der Anzeigen, vor allem die falschen und anonym vorgebrachten, schwoll in einigen Provinzen derart an, dass die öffentliche Ruhe gefährdet wurde. Viele Prozesse mussten niedergeschlagen werden, weil die Angeklagten gar keine Christen waren oder schon vor Jahren ihrem Glauben abgeschworen hatten. Auch die vielen Anzeigen gegen missliebige, unbequeme Bürger, Nachbarn, Bekannte oder Verwandte, denen eine Nähe zum Christentum nicht nachgewiesen werden konnte, wuchsen sich zu einem Ärgernis aus.
Außerdem gaben die Christen nicht klein bei. Obwohl ihre Kampfmittel und –methoden aus ihrer inferioren Position heraus und wegen ihrer religiösen Überzeugung andere und neue waren, standen sie denen der Römer an Aggressivität und Kampfkraft in nichts nach. Indem sie sich reihenweise als Christen anzeigten, um den Märtyrertod zu erleiden, erzeugten sie bei den Strafverfolgungsbehörden einen derartigen Widerwillen gegen ihren Strafvollzug, dass nicht nur Zweifel an der Richtigkeit der Strafverfolgungspraxis erzeugt wurde, sondern auch Widerspruch.
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So fragte schließlich der vom Kaiser in die asiatischen Provinzen gesandte C. Plinius Secundus beim Kaiser an: ob die Christen nomen ipsum zu bestrafen seien oder wegen der mit dem Christsein in Zusammenhang stehenden Verbrechen.
Die Antwort fiel niederschmetternd aus. Formal wurde die Verurteilung der Christen allein wegen ihres Namens nicht vom Kaiser bestätigt. Es sollte erst der Beweis erbracht werden, dass die Christen auch Christen waren. Die Durchführung dieses Beweises gestaltete sich denkbar einfach: die Angeklagten hatten dem Kaiser zu opfern, verweigerten sie das Opfer, war der positive Beweis erbracht.
Die Weigerung, dem Kaiser zu opfern, galt als Majestätsbeleidigung wie auch als sakrales Verbrechen. Zu opfern war allerdings nur moralische Pflicht. Es wurde keinem Bürger aufgezwungen und eine Verweigerung stand sonst nicht unter Strafe. So wurden auch die Christen nicht wegen der Verweigerung des Opfers bestraft, sondern allein, weil sie sich mit der Verweigerung des Opfers als Christen und damit automatisch als Staatsfeinde offenbarten. Eine gewisse Logik war darin durchaus zu finden, wenn auch nur in Form von Irrschlüssen.
Alle Christen sind Staatsfeinde Lucius ist ein Christ Ergo ist Lucius ein Staatsfeind
Alle Christen verweigern das Kaiseropfer Lucius weigert sich, dem Kaiser zu opfern Ergo ist Lucius ein Christ
In Wahrheit bestand das nomen ipsum also fort. Das Denunziantentum allerdings wurde eingeschränkt, anonyme Anzeigen wurden verboten.
Nomen Ipsum, ein besserer Name hätte nicht gefunden werden können. Allein mit dem Ausdruck wird der ganze Sachverhalt begriffen. – Plinius scheint die volle Tragweite für die Rechtsprechung erkannt zu haben, obwohl er nicht voraussehen konnte, dass mit dieser Regelung der Same für den Untergang Roms gelegt wurde.
Plinius stellt das Problem zunächst einmal nur dar und enthält sich eines Urteils. Er stellt fest, dass die Christen nicht wegen eines Verbrechens angeklagt werden, sondern wegen ihrer verbrecherischen Religion. Für eine verbrecherische Religion aber findet er keine Beweise. Das Christentum sei zwar eine elende, anspruchsvolle fremde Religion, die aber nicht zu lichtscheuem Treiben anleite, sondern die Gläubigen verpflichte, sich aller schlechten Handlungen zu enthalten. Wenn aber kein Verbrechen vorliegt, das ist der Gedanke des Plinius, bleibt allein der Name Christ und die Unterstellung, dass mit dem Namen ein verbrecherisches Sein verbunden sei.
Wesentliches Moment der staatlichen Ordnung Roms war das Recht. Das Recht richtete nach den Bestimmungen des Gesetzes über das Recht und Unrecht einer Tat - und nur über die Tat. Maßte das Recht sich an, die Gesinnung, die Überzeugung, den Glauben, die Religion ohne Nachweis eines Verbrechens zu verurteilen, machte es sich daran, das Denken, die Freiheit des Menschen, die Grundlage überhaupt allen Rechts als Verbrechen zu verurteilen. Damit fiel das Recht auf einen vorrechtlichen Standpunkt, einen der Moral, einen der Willkür oder einen der Barbarei zurück.
Indem die „elende“ christliche Religion als Verbrechen festgeschrieben wurde, reichte bis zum Untergang des Römischen Reiches der Name Christ allein aus (nomen ipsum), einen Christen zu verurteilen. Mit Gesetzeshilfe begingen die Römer Unrecht. Die staatliche Ordnung, die sie sichern wollten, hebelten sie aus. Das Staatsverbrechen begingen nicht die Christen, sondern die Römer.
Dies griffen die Christen in der Folgezeit dann auf und wendeten es gegen Rom, indem sie Rom als Unrechtsstaat für alle offensichtlich desavouieren konnten. Seither, d.h. seit 2000 Jahren wird deshalb auch nicht vom gerechten Kampf Roms gegen seinen schlimmsten Feind gesprochen, sondern vom Unrecht Roms und von der Christenverfolgung.
Alle großen Kämpfe der Geschichte seither gegen einen besonderen Geist sind Kämpfe „Nomen Ipsum" gewesen und damit auch immer Kämpfe gegen den freien Geist überhaupt. Gekämpft wurde immer gegen die „Träger“ des Geistes: Ungläubige, Heiden, Manichäer, Papisten, Protestanten, Hexen, Royalisten, Sozialisten, Kapitalisten, Kommunisten, Faschisten. Die scheußlichsten Schandtaten wurden begangen in dem Bewusstsein, die Welt vom Bösen zu befreien. Der bloße Name reichte immer aus, selbst wenn man damit seinen Bruder tot schlug.
Auf eine ganz eigentümliche, besondere Art und Weise hat das „Nomen Ipsum“ bei der Ermordung der Juden seine traurige Bedeutung gehabt. Die Juden wurden nicht wegen tatsächlich begangener Verbrechen bestraft. Ob sie schuldig waren oder nicht, war nie die Frage. Jude zu sein, diesen Namen zu tragen, führte zu ihrer Ermordung. Der Verstand berief sich dabei auf sein Recht, schwor auf seine heilige Aufgabe und schrie noch 1945, er wolle die Welt retten.
Von besonderer Bedeutung war dabei, dass das Verbrechen der Juden, das mit ihrem Namen willkürlich verbunden wurde, nicht in ihrer Gesinnung, sondern in ihrer biologischen Natur, in ihrer Rasse liegen sollte. Sie konnten nicht einmal abschwören wie die Christen.
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Auch der seit langem in Deutschland geführte Kampf gegen Rechts, der aktuell durch Presse, Rundfunk und Fernsehen zu einem Volksüberlebenskampf gesteigert ist und von allen Mitarbeitern der Medien durch beflissene Loyalitätsbekundungen unterstützt wird, der an Skurrilität kaum noch zu überbieten ist, erscheint als ein Kampf gegen einen Namen: „Rechts“, worunter dann andere Namen wie Nazis, Faschisten, Revisionisten, Revanchisten, Antisemiten, Rassisten und Ausländerfeinde etc. fallen. Träger dieses Namens sind „automatisch“ Kriminelle, Verfassungsfeinde, Staatsverbrecher.
Nun gibt es Träger dieses Namens in Deutschland gar nicht. Wer in Deutschland von sich sagt: Ich bin ein Nazi, ist entweder einfältig oder leidet unter einer Psychose. Nicht einmal die verschwindend wenigen Wähler oder Mitglieder der NPD behaupten von sich Nazis oder Faschisten zu sein. Jedenfalls haben sie sich diesen Namen nicht gegeben. Freilich gibt es einige faschistische und national-sozialistische Vereinigungen in Deutschland, aber die schmücken ihren Namen mit einem „anti“.
Die Rechten, die Nazis etc. in Deutschland müssen erst wie im Mittelalter die Hexen aufgespürt werden. Der Name, auf den dann geschlagen wird, muss ihnen von außen angeheftet werden.
Wie identifiziert man die Rechten? Wie fängt man die braune Brut? Noch gibt es das mit viel Witz vorgestellte Nazometer nicht. Eine Art Kaiseropfer schon.
Eine Äußerung, eine Tat, ein Sachverhalt tritt mittels der Medien in die Öffentlichkeit, wo auch das Urteil „Rechts“ erfolgt. Dadurch soll die Sache dann abgeschlossen sein. „Momentan geht die größte Kriegsgefahr in der Welt von Israel aus,“ lautet z.B. eine Äußerung. Man mag der Sache, um die es hier geht, widersprechen, sollte es auch, denn nur durch den Widerspruch können sich das Leben und die Wahrheit entfalten. Wenn aber sogleich und nur das Urteil gefällt wird: „Das ist eine üble, versteckte antisemitische Äußerung, oder: „Hier offenbart sich der latente Antisemitismus Europas“, bedarf es keines Widerspruches mehr, auch keiner Erörterung eines Für und Widers. Mit dem Urteil „Antisemitismus“ ist die Sache erledigt und eine neue Sache liegt auf dem Tisch, der „versteckte Antisemitismus in Europa“.
Mit dem Urteil meint der Verstand das Wesentliche einer Sache ausgesagt zu haben. Tatsächlich aber hat er sie nicht in Besitz genommen, ja nicht einmal berührt, sondern lediglich umgangen. Denn ein bloßes Urteil befasst sich nicht mit der Sache, setzt sich ihr nicht aus, verweilt nicht in ihr, vielmehr schwebt es immer über ihr und ist in Wahrheit eine Aussage bzw. eine Behauptung über etwas anderes.
So ist ohne weiteres einzusehen, dass das Urteil: „latenter Antisemitismus“ oder „rechtsradikal“ etwas anderes ist, als der Inhalt der Äußerung, die momentan größte Kriegsgefahr in der Welt, also die Sache, über die das Urteil gefällt wird. Das Urteil soll die Sache umgreifen, geht aber mit keinem einzigen Wort auf ihren Inhalt ein. Es kann zwar durchaus sein, dass hinter der Äußerung ein latenter Antisemitismus steht, aber das soll er nur, das wird nur behauptet, nicht bewiesen und vor allem (und das ist entscheidend, wenn man vorgibt, eine geistige Auseinandersetzung führen zu wollen.) ergibt er sich nicht aus der Sache selbst.
„Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager“, konstatiert ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler. Prompt wird geurteilt: „Antisemitischer Vergleich, Nazi-vergleich, böse, dumm, Sinn redet Unsinn, soll zurücktreten etc.“ Hier wird eine Sache zur Diskussion gestellt, aber unmittelbar durch ein Bündel wilder Urteile (teilweise sind die in den Urteilen verwendeten Begriffe“ nur Namen oder Verbalinjurien) von einer weitergehenden Diskussion ausgeschlossen. Die Sache soll damit „erledigt" sein. Der Urheber wird entwürdigt (er, nicht nur die Sache, wird für dumm erklärt) und kriminalisiert.
„Es gibt zu viele Ausländer in Deutschland?“ diese Frage bejaht ein Student, der gerade versichert hat, dass er kein Ausländerfeind sei, vor laufender Kamera. „Rechtsradikal, ausländerfeindlich“, urteilt der Kommentator hinter der Kamera dennoch. - Aus der Sache genommen ist dieses Urteil nun allerdings nicht.
„Ich glaube nicht, dass sechs Millionen Juden vergast worden sind“, vertraut ein Bischof einem Journalisten an. Das Urteil, das um die Welt läuft, lautet: „Holocaust-Leugner.“ Dabei hat der Bischof weder etwas geleugnet, noch den Holocaust zum Gegenstand seines Nicht-Glaubens gemacht, denn etwas nicht zu glauben, ist etwas anderes als etwas zu leugnen. Glauben oder Nicht-Glauben ist im Gegensatz zum Leugnen ein geistiger Akt, der aus der Subjektivität des Gläubigen nicht herauskommt. Was einer glaubt oder nicht glaubt, berührt die Öffentlichkeit in keiner Weise und hat auch kein Allgemeininteresse. Darüberhinaus glaubt der Bischof nur nicht eine Besonderheit des Holocausts, die Vergasung von 6 Millionen Juden. Eine nicht geglaubte Besonderheit stellt aber den Holocaust als Allgemeinheit vieler Besonderheiten überhaupt nicht in Frage. Auch hier ist das Urteil nicht aus der Sache genommen, sondern dieser übergestülpt. Es mag sein, dass der Bischof tatsächlich ein Holocaust-Leugner ist. Wo aber ergibt es sich aus seinen Äußerungen? Das Urteil ist eine Tautologie; seine „Wahrheit“ liegt allein in der Subjektivität des Urteilenden.
„Neonazis reden gern von einem deutschen ‘Schuldkult’“, behauptet ein Apologet des „Kampfes gegen Rechts“ und urteilt: „Der Begriff „Schuldkult“ soll jede kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als lächerlich und aufgezwungen erscheinen lassen.“ – Wie das? Was sich hier als ein Urteil des Begriffs ausgibt, ist vielmehr ein assertorisches Urteil, ein Sein-Sollen, eine Versicherung des Urteilenden.
Es ist nun das leichteste, eine Sache, einen geistigen Inhalt zu beurteilen, ihn möglicherweise mit einem unverschämt, übel, schlecht, böse, rechts und dergleichen mehr zu belegen und erledigen zu wollen. Das mag wohl in der Öffentlichkeit so üblich sein, aber den Medien gereicht es nicht zur Ehre und gebühren tut es ihnen schon gar nicht. Ihre Aufgabe wäre es, über das bloße Zitieren hinaus (nicht einmal dazu scheinen sie in der Lage zu sein), die Sache in ihrem Inhalt und Gehalt aufzufassen, sich zu den Gedanken der Sache, falls vorhanden, heraufzuarbeiten, sie mit Gründen zu unterstützen oder zu widerlegen und all dies, was freilich das schwerste wäre, zusammen darzustellen und schließlich als Resultat ein ernsthaftes aus der Sache hergeleitetes Urteil abzugeben. Dies könnte dann der Beginn einer gebildeten Reflexion sein. So wie die Dinge aber heute liegen, stagniert das, was wir eine geistige Auseinandersetzung nennen könnten, bereits vor ihrem Anfang.
Alle hier genannten Urteile ergeben sich nicht aus der Sache selbst. Es sind Behauptungen, apodiktische Urteile, die wegen einer formalen Ähnlichkeit der Sache übergestülpt werden, ein Sein-Sollen. Die Wahrheiten, die hier gelten sollen, liegen nur im Gefühl, in der Vorstellung des urteilenden Subjekts, weswegen sie auch als eine Fantasiekonstruktion des Verstandes, als eine Erfindung des Denkens zu nehmen sind.
Wenn noch ein schlecht, böse, unerhört, unverschämt, trotzig und dergleichen mehr hinzukommen, tritt zu diesen Behauptungen (Urteilen) noch eine subjektive Versicherung, ein assertorisches Urteil, bei dem lediglich versichert wird, dass das im subjektiven Bewusstsein vorhandene schlecht, böse, unerhört, ein Prädikat der zu beurteilenden Sache sei. So ist es zum Beispiel absolut unerfindlich, warum der vorgeblich antisemitische Vergleich denn nun auch unverschämt ist. Wie muss eine „antisemitische“ Äußerung beschaffen sein, damit sie auch noch übel ist? Ist sie vielleicht allein als antisemitische Äußerung schon unverschämt?
Nun kann man einwenden, dass diese Urteile zwar nicht aus der Sache selbst genommen sind, sich aber als zwingende Schlussfolgerungen aus der Empirie ergeben. So ist es zum Beispiel doch geradezu evident, dass ein Antisemit von Israel die größte Kriegsgefahr ausgehen sehe. Dieser Tatbestand lasse es dann auch zu, aus einer diesbezüglichen Äußerung, auf Antisemitismus zu schließen. Die Figur dieses Schlusses könnte folgendermaßen aussehen.
Nur Antisemiten sagen, dass von Israel die größte Kriegsgefahr ausgeht. Fritz sagt, von Israel geht die größte Kriegsgefahr aus. Ergo ist Fritz ein Antisemit.
Bei dieser Figur enthält der Obersatz bereits den Schlusssatz, wodurch hier ein leerer Schein des Schließens erfolgt. Ist Fritz kein Antisemit, kann der Obersatz nicht richtig sein. Er wäre nicht einmal richtig, wenn Fritz zufälligerweise ein Antisemit wäre. Aus der Empirie ergibt sich nämlich niemals zwingend, dass nur Antisemiten von Israel die größte Kriegsgefahr ausgehen sehen.
Alle im Folgenden angeführten Schlüsse des Daseins, Allheitsschlüsse, Analogieschlüsse, Induktionsschlüsse und dergleichen mehr, auf die im Einzelnen hier nicht näher eingegangen werden kann, erweisen sich selbst bei nur oberflächlicher Betrachtungsweise als bloßes Blendwerk. (Um die ganze Tragweite der hier berührten Problematik aufzufassen, wäre allerdings die Kenntnis der Vernunftformen Voraussetzung. Leider ist die gegenwärtige Bildung aus der allgemeinen Überzeugung heraus, dass der Mensch die einzelnen Denkoperationen ohne ein besonderes Erlernen derselben in etwa so selbstverständlich beherrscht wie das Gehen, das Essen oder das Verdauen, in einen Zustand der Rohheit zurückgefallen.)
Alle Menschen müssen sterben. Fritz ist ein Mensch. Ergo muss er sterben
Alle Menschen müssen sterben. Fritz muss sterben. Ergo ist er ein Mensch. (Was ist nur, wenn Fritz ein Wachhund ist?)
Die Nazis haben das Wort „entarten“ gebraucht, deshalb ist dieses Wort ein Nazi-Ausdruck. Fritz benutzt dieses Wort. Ergo ist er ein Nazi oder bewegt sich in gefährlicher Nähe der Nazis.
Rechtsradikale und Ausländerfeinde vertreten die Auffassung, dass es zu viele Ausländer in Deutschland gibt. Fritz sagt: Es gibt zu viele Ausländer in Deutschland. Ergo ist Fritz ein Ausländerfeind.
Christen sind Menschen. Die Juden sind keine Christen. Also sind die Juden keine Menschen. (tatsächlich sind sie nur andere Menschen als die Christen. Bei diesem Schluss wird das Prädikat des Obersatzes zu dem des Schlusssatzes)
Zu den Säugetieren gehören Hunde, Katzen, Delfine, Ratten. Fritz leugnet, dass es Ratten gibt. Ergo ist Fritz ein Säugetierleugner
Die Erde hat Bewohner. Der Mond ist eine Erde (Erdkörper). Also hat der Mond Bewohner.
Charismatiker sind hervorragende Staatsmänner. Hitler hatte Charisma. Also war Hitler ein hervorragender Staatsmann.
Hitler war Nichtraucher. Die meisten Deutschen sind Nichtraucher. Um nicht in gefährliche Nähe zu den Nazis zu geraten, sollten alle Deutschen wieder rauchen
Angesichts eines solchen Hornissennestes von Irrschlüssen stellt sich der „Kampf gegen Rechts" als ein Gespensterkampf dar. Der Geist ist in die Irre gegangen, das Denken herabgesunken zu einer formalen Oberflächlichkeit, die sich gleichwohl eitel spreizt und gereizt jeden Widerspruch gegen den „Kampf gegen Rechts“, ohne sich auf ihren Inhalt einzulassen, als „Rechts“ abwehrt.
Es wäre aber unziemlich, dabei stehen zu bleiben, diese „Logik“ als Pseudologik oder als pseudologia fantastica zu beurteilen und außer Acht zu lassen, was geschieht, wenn ein Rechter mit Hilfe dieser „Logik“ ins Netz gegangen ist. Da der Name „Rechts“ und die diesem untergeschobene Gesinnung und Überzeugung sowie daraus resultierende Motive und Absichten verbrecherisch sein sollen, der Name aber nicht justitiabel ist, kann das Forum der Gerechtigkeit nicht das Gericht sein, wo nur über bestimmte Handlungen, klar definierte Rechtsbrüche geurteilt wird. Beim Kampf gegen Rechts bilden die Medien als „vierte Gewalt“ das Gericht. Ihr Recht nennen sie das moralische Recht. Sie sind Ermittler, Ankläger, Richter und Vollstrecker.
Eine Äußerung, eine Handlung, eine Tat, die an irgendeiner Stelle das Licht der Öffentlichkeit erblickt, wird von den Medien aufgedeckt, aufgegriffen, ausgewählt und dem Publikum bekannt gemacht. Dabei sind die Medien keineswegs nur eine Art neutrale Schaltstelle, ein Forum der Öffentlichkeit, eine Agora. Sie sind wohl selbst Teil der Öffentlichkeit, aber auch für sich. Sie sind Partei. So für sich gesetzt, wollen sie selbst Wächter der Gesellschaft sein, ein Priesteramt ausüben und über den Zeitgeist, die rechte Lehre, d.h. Ideologie wachen.
Die Medien walten in aller Öffentlichkeit, ihren Kampf führen sie als öffentliches Spiel. Die „Rechten“ wissen meist gar nicht, wie ihnen geschieht. Plötzlich über Nacht finden sie sich in einer Art Arena, wo sie vorgeführt werden. Der kritische und aufdeckende Journalismus bekommt bei diesem Kampf die Seite der Denunziation. Anderes formuliert: Als Wächter der Gesellschaft blasen die Medien zum gerechten Kampf gegen die Verfassungsfeinde. Sie knüpfen die Netze gegen Rechts, zerren Privatestes ans Licht und denunzieren, wo auch immer sie können. Sie fordern ihr Publikum zur Denunziation auf, „Zivilcourage“ zu zeigen und sich an diesem Kampf zu beteiligen. Dabei übersehen sie offene Rechtsbrüche der aufgewiegelten Öffentlichkeit, beklatschen selbst Mordaufrufe und nicken beifällig, wenn als „Rechts“ eingestufte Menschengruppen rechtswidrig boykottiert, drangsaliert und attackiert werden.
Bei dieser nur deutschen „Gerichtsshow“, die gleichwohl der ganzen Welt als Sensation vorgeführt und ihr aufgedrängt wird, sind Verteidiger nicht zugelassen. Über die Sache wird auch nicht verhandelt. Wenn das Spiel langweilig zu werden droht, naht das Ende und die Medien fällen die Entscheidung. Sie senken oder heben den Daumen.
Die Demütigungen, die einem Rechten bei diesem Spiel aufgeladen werden, scheinen dem Mittelalter entsprungen zu sein. Ihre seelischen und geistigen Folgen sind für den „Rechten“ verheerend. Er wird beleidigt, an den Pranger gestellt, entwürdigt, herabgesetzt, ausgegrenzt, um seine Reputation gebracht und in seinem Ruf gemordet, vielleicht als geisteskrank öffentlich vorgeführt und aus dem Beruf gejagt etc.
Da hier kein Recht gesprochen wird, hat keiner eine von einem Gericht verhängte Strafe zu erwarten, keiner wird gehängt, erschossen oder in den Kerker geworfen. Ein seelischer und geistiger Tod aber ist durchaus intendiert. Ein Kampf „Nomen Ipsum“ ist immer als Vernichtungskampf angelegt.
Den Medien wie der durch sie beeinflussten Öffentlichkeit fällt dabei weder das Unrecht, die Brutalität noch die grundsätzliche Inhumanität dieses als öffentliches Spiel inszenierten Kampfes auf. Dass in unserem Staate Menschen verfolgt werden, wer nimmt es wahr? - In dem Bewusstsein, dass den „Rechten“, den Bösen nur recht geschieht, erlischt jedes Mitleid, jedes Erbarmen.
Ohne es zu ahnen, haben wir ein Ungeheuer herangezüchtet. Die Ungeheuerlichkeit besteht darin, dass wir neben das Recht das „moralische Recht“, dem die Objektivität fehlt, in die Ordnung unseres Staats mit aufgenommen und es sogar über das Recht gestellt haben. Die Subjektivität, die Überzeugung einzelner, einzelner Gruppen oder die des Pöbels richtet beim Kampf gegen Rechts nach dem Gesetz ihres Herzens über Mitbürger eines besonderen Geistes. Das moralische Recht aber ist kein Recht, sondern dort, wo es zur Geltung kommt, gerade ausdrücklich Verzicht auf letzteres und damit prinzipiell Unrecht.
Sofern ein Staat dies zulässt, tritt die gleiche Verkehrung ein, die in Rom bei der Christenverfolgung stattfand. Nicht die, die als Verbrecher an der Grundordnung „moralisch“ verurteilt werden, sind die Staatsverbrecher, sondern die, die das Recht schmählich mit Füßen treten und durch die Berufung auf das Gesetz ihres Herzens Unrecht tun, um scheinheilig die Verfassung zu schützen.
Der Kampf gegen Rechts ist ein Kampf gegen einen bloßen Namen, hinter dem sich eine böse Gesinnung oder Anschauung verbergen soll. Ob letzteres aber zutrifft, bleibt mehr als zweifelhaft, denn solange man die Sache, die rechte Überzeugung, gegen die man zu kämpfen vorgibt, immer nur verurteilt, sie damit von sich abhält, sich nicht auf sie einlässt, um sich erst dann mit ihr auseinanderzusetzen, kämpft man allein gegen mit dem Ausdruck „Rechts“ etikettierte Menschen. Nomen Ipsum! Sollte aber hinter dem Namen „Rechts“ eine Überzeugung mit einer substantiellen Idee stecken, dann ist der Kampf gegen „Rechts“ schon jetzt verloren, allein deswegen, weil bei diesem Kampf die der Überzeugung zugrunde liegende Idee nicht einmal tangiert wird und eine Überzeugung ohnehin nur durch sich selbst zu besiegen ist.
Weil der „Kampf gegen Rechts" gegen eine Meinung, eine Überzeugung, das Denken, kurz den Geist geht, der grundsätzlich frei ist, wird dieser Kampf immer auch gegen die Freiheit des Geistes überhaupt geführt. Indem der Geist, welcher Couleur auch immer, dies auffasst, sieht er sich aufs äußerste herausgefordert, da er erkennen muss, dass die Substanz des Staates, die Verwirklichung der Freiheit bedroht ist. Denn ob links oder rechts, oben oder unten, weiß, schwarz oder braun, violett oder kariert, in einem ordentlichen Staate ist die Subjektivität (die Meinung, die Überzeugung, bzw. das besondere Menschsein) nicht nur an sich frei, sondern anerkanntermaßen. Die Subjektivität ist unantastbar. Nur wer durch sein Handeln, was allerdings auch die „Ausübung einer Überzeugung" (Objektivierung der Subjektivität) sein kann, das Recht verletzt, über dessen Taten ergeht in einem ordentlichen Staate ein Urteil, - ein Rechtsurteil. Aus diesem Grund wird sich in Deutschland, wenn es seinen Genius noch nicht ganz verloren haben sollte, die Idee der Freiheit wieder erheben. Der freie Geist muss dem nomen ipsum geführten „Kampf gegen Rechts“ widersprechen, selbst wenn er mit den besonderen und einzelnen Inhalten einer „rechten Idee“ absolut nichts gemein haben sollte. Der freie Geist wird die Meinungsfreiheit von den Wächtern der Gesellschaft zurückfordern und ihnen die Ermächtigung zu diesem Kampf, die sie sich angemaßt haben, entziehen.
Gleichwohl wird der „Kampf gegen Rechts" andauern. Er wird tiefe Wunden schlagen. Die Wunden schlägt dabei das Denken in Form des toten Verstandes und die Intoleranz (das nicht Leiden-Können eines Widerspruchs). Man wird wohl vergeblich hoffen, dass es bei diesem „Schicksalskampf" je zu einer geistigen Auseinandersetzung kommt. Es wäre das erstmal in der Geschichte der Welt. Von den Christen aber sollten alle Kombattanten lernen. Es war allein die Gediegenheit des Gedankens und die der christlichen Idee, nicht die physische Stärke, die Rom in den Orcus schickte.
400 Jahre hat der römische Geist gegen eine Religion gekämpft, bis er unterlag und abtrat. Gleichwohl verschwand er nicht endgültig. 1000 Jahre später wurde er in der Renaissance wieder geboren und besiegte in einem 400 Jahre dauernden Kampf stufenweise die Kirche. In der Reformation wurde dem säkularen Geist Eigenständigkeit zugesprochen, in der Revolution trotzte der säkulare Geist seine Eigenständigkeit der Kirche ab. Dieser Geist schuf die modernen Staaten der Gegenwart und setzte die Kirche, das heißt die Religion, zu einem Bekenntnis herab.
Gegenwärtig triumphiert der säkulare Geist über den sakralen. Wie im alten Rom beansprucht der säkulare Geist durch exzessive individuelle Bedürfnisbefriedigung, durch Brot und Spiele, äußerliche Freiheit und äußerlichen Frieden der Menschheit das Glück zu bringen. Und ähnlich wie in Rom übersieht er, dass in dieser Einseitigkeit der Mensch seelisch und geistig verhungert. Die christliche Idee aber, die seinerzeit das römische Reich zum Einsturz brachte, hat zwar ihre Substanz nicht eingebüßt, aber sie erreicht die Menschen, die ihrer spotten, nicht mehr. Der sakrale, aber auch säkulare europäische Geist sind moribund. Womit soll man also das dumm gewordene Salz salzen?
Die Tore für eine neue Heilslehre aus dem Orient stehen weit offen.
Auf diesem Hintergrund führt Deutschland seinen Kampf gegen Rechts. „Nomen ipsum". Von allen guten Geistern verlassen.
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