Die Kehrseite der Medaille
Kinesis (Bewegung)
Hüsby - Ein Dorf erinnert sich
Sinn redet Unsinn
Die sieben Kreuze
Apokalypse
Nomen ipsum
Ruiniert
Der Anfang
Das Werden

 
 




Hüsby, ein liebenswürdiges Dorf

Serie

mit Texten von Konrad Gutschke



Die Hauptstraße  


„Hüsby? - Nein, nie gehört. Husby, ja, das kenne ich.“ – „Nein, Hüsby! H-ü-s-b-y!“ – „Kenne ich nicht. Wo liegt denn dieses Hüsby?“

Welch Hüsbyer hat nicht schon diesen oder einen ähnlichen Dialog führen müssen und das nicht nur in weit entfernten anderen Teilen Deutschlands, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft wie Flensburg, Rendsburg oder Husum.

Hüsby, mit seiner 800 Jahre währenden Geschichte bereits alt und ehrwürdig, ist dennoch bis heute ein beinahe unbekannter Ort geblieben, wie vergessen in einer sonst blühenden Landschaft. Wer Hüsby sucht, findet es im äußersten Norden Schleswig-Holsteins, drei Kilometer von Schleswig entfernt, genau zwischen den Dörfern Schuby und dem in allen Reiseführern Schleswig-Holsteins verzeichneten Danewerk mit seinem Museum und der Waldemarsmauer. Hüsbys Koordinaten: 54°29´48.70´´ N, 9°29´07.06´´ E, mittlere Höhe 36 m. Ein Klick auf Google Earth, Position eingegeben und jeder Internet-Besucher hat es auf seinem Bildschirm. Noch einfacher geht es mit einem für Ortungszwecke vorgesehenen GPS-Gerät.

Die Straße zwischen Schuby und Danewerk verläuft hoch auf dem Scheitel zwischen Schlei und der Geest. Kommt man mit dem Wagen von Schuby her, stößt man etwa in der Mitte der Strecke auf das Ortsschild von Hüsby. Hundert Meter weiter passiert man eine Kreuzung und nach weiteren 200 m hat man das Dorf bereits wieder verlassen. Es dauert keine 30 Sekunden. Auf den, der sich hier nicht auskennt, hinterlässt der Ort kaum einen bleibenden Eindruck. Was er wahrgenommen hat, dürfte sich bereits wieder mit dem Ortsende verflüchtigt haben und spätestens in Danewerk ist Hüsby aus der Erinnerung verschwunden. Dabei hat der Tourist oder der Fremde, der hier unterwegs ist und meint, einen Ort durchfahren zu haben, von Hüsby eigentlich noch nichts gesehen. Es hat ihn allerdings auch niemand und nichts darauf hingewiesen, dass der Ort noch zu entdecken ist. Denn an der Kreuzung, der Mitte zwischen den beiden Ortsschildern, weist wohl ein großes Hinweisschild „Schleswig 5 km“ nach Osten, in die andere Richtung aber scheint es gar nichts zu geben. Zentrum oder bescheidener Ortsmitte, ein Hinweis dieser Art, scheinen die Hüsbyer vergessen zu haben. Oder war es Absicht, eine Art Schelmenstreich? War es Bescheidenheit oder vielleicht gar ein besonderer Gemeinsinn, der die Gemeinde davon abgehalten hat, gezielt auf sich aufmerksam zu machen? - Wir werden es sehen.

Von der Kreuzung, neben der ein vorgeschichtliches Steingrab zur Besichtigung einlädt, führt die Hauptstraße (Straßennamen gibt es hier erst seit etwa 30 Jahren) ins Dorf hinunter. Der Höhenunterschied zwischen Kreuzung und Dorfteich, der Ortsmitte, beträgt etwa 8 m. Der höchste Punkt mit 44 m befindet sich an der ehemaligen Mühle gleich neben der Kreuzung, 36 m beträgt die Höhe in der Mitte des Dorfes und 31m am westlichen Ortsausgang.

Die Hüsbyer sind sich bewusst, auf der Höhe zu sein. Schmunzelnd können Sie in vorgerückter Stunde bemerken: „Wenn der Meeresspiegel um 20 m steigen und Schleswig-Holstein im Meer versinken sollte, liegen wir immer noch hoch über der Flut. Wenn allen anderen die Füße bereits nass geworden sind, werden wir immer noch rauf und runter gehen können.“ Rauf und runter sind übrigens die am häufigsten gebrauchten Wörter, die im Ort eine sichere Orientierung gewährleisten, sie rangieren noch vor „achter de“ und „för“.

Im Gegensatz zu den meisten bei Schleswig liegenden Dörfern ist Hüsby zumindest äußerlich das Dorf geblieben, das es bereits vor vier oder fünf Jahrzehnten war. Es gibt kein vom Ortskern getrenntes Gewerbegebiet und keine Zersiedlung durch Neubaugebiete, die auf einem Reißtisch emotionslos geplant wurden. Lediglich ein kleineres neues Bauensemble, versteckt „Achter de Krog“ kündet davon, dass die Gemeinde Anschluss an die im Lande übliche Ortsentwicklung gefunden hat. Ein prosperierendes modernes Gemeinwesen ist Hüsby gleichwohl nicht. Geschäfte gibt es hier keine. Der letzte Geschäftsmann, der Bäcker des Dorfes, hat vor einigen Jahren sein Geschäft aufgeben, genau so wie der letzte selbständige Handwerker, der im Gewerbegebiet von Schuby seine Zuflucht gesucht hat, weil er für sich in Hüsby keine Möglichkeit zur Erweiterung seines Betriebes fand. Zwei tatkräftige und tüchtige Landschaftsgärtner indes beweisen, dass sich Hüsby auch wirtschaftlich durchaus behaupten kann.

Das wohl erstaunlichste aber an Hüsby ist, dass es sich davor bewahren konnte, zu einem reinen Wohn- und Schlafdorf zu werden. Es war ein Bauerndorf und ist es geblieben. Die Zahl der aktiven Bauerngehöfte ist gewiss erheblich geschrumpft, aber immer noch machen die vier übrig gebliebenen Bauern das eigentliche Leben des Dorfes aus. Sie bestimmen wie eh und je den Arbeitstakt der Gemeinde und nicht zuletzt den Geruch des Dorfes. Die mit den Jahren hinzugezogenen Fremden und die Stadtflüchtigen, die Hüsby als Geheimtipp für Wohnen auf dem Lande handeln, können sich hier nur integrieren.

Hüsby ist zweifellos ein schönes Dorf. Sauber, gepflegt, einfach proper. Sechs Mal ausgezeichnet als schönes Dorf. 1999 beim Kreiswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden – Bürger und Bürgerinnen gestalten ihre Umwelt“ den ersten Platz belegt. Dennoch sucht man hier eine großartige Architektur vergeblich. Markantes, Sensationelles, Elegantes - dafür war Hüsby nie der rechte Ort. Das eine oder andere Gebäude in der Mitte des Ortes ließe sich durchaus unter Denkmalschutz stellen, aber sinnvoll wäre es nur dann, wenn man die Dorfmitte damit aus ihrem Dornröschenschlaf wecken könnte.

Angenehm fallen die Individualität der gesamten Dorfanlage sowie die der meisten Häuser und Gärten ins Auge. Kein genormter Einheitsbrei, keine leblose Steinwüste wie in vielen deutschen Städten. Hier hat jeder Bürger nach seinen materiellen Möglichkeiten, seinem Geschick und seinem ästhetischen Empfinden sich sein Reich geschaffen. Besonders die Gärten imponieren. Sie sind vorwiegend das Werk der Frauen. Sobald der Frühling mit seinen ersten Sonnenstrahlen wärmt, sind sie draußen und mit Hingabe und Geschick gestalten sie jedes Jahr aufs Neue ihr Grundstück sich und dem Dorf zur Freude.

Hüsby ist ein schönes Dorf, aber das Leben tobt hier nicht, obwohl letzteres, wie von den Alten berichtet, früher hier ganz anders war. Unaufdringlich, ruhig, zeitweilig wie ausgestorben, wirkt es gegenwärtig auf den Besucher. Man könnte es sogar für Langeweile halten.

Aber es gibt ein Inneres, ein Leben des Dorfes, das sich durch die Zeiten hindurch erhalten hat. Es gibt ihm Gediegenheit und verleiht ihm Wert. Und wenn wir es kennengelernt haben, werden wir es schätzen und lieben.

Dazu müssen wir uns aber auf den Weg machen, ohne Anstrengung fällt es uns nicht in den Schoß.

Wie kommen wir der Seele des Dorfes auf die Spur? Ein wissenschaftlicher Bericht, etwa eine Erhebung oder eine Studie über die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen oder die gewaltigen äußeren Veränderungen der Dörfer und Städte, wen interessiert das? Die Wissenschaft und Politik gewiss, den lebendigen Bürger im Lande eher nicht. Dem Leben kommen wir damit um nichts näher. Der Mensch will sich in den Menschen, ihrem Leben und Erleben, ihrem Tun, ihren Vorstellungen, ihrem Fühlen und Denken, ihrer Geschichte wiederfinden. Er wartet auf eine Mitteilung, damit er sich selbst als Teil eines Ganzen, einer Gemeinschaft, eines Gemeinwesens begreifen kann.

Welchen Weg wählen wir gewöhnlich mit großer Selbstverständlichkeit, wenn wir versuchen, einen Menschen und sein Inneres kennenzulernen? Wir setzen uns zusammen und bitten ihn: Erzähl! Sprich! Schütte dein Herz aus!

Lassen wir auf diese Weise die Dorfbewohner sprechen, sie sollen sich darstellen. Sie haben uns etwas mittzuteilen. Wenn es auch nichts Beispielloses oder Spektakuläres sein sollte, an ihrer Sprache werden wir erkennen, dass auch im Unscheinbaren die ganze Würde des Menschen zu erkennen sein kann.

Ein Menschenleben zählt heute mehr als 80 Jahre, es umfasst knapp drei Generationen. Die älteste Einwohnerin des Dorfes Hüsby hat diese Zahl bereits um 10 Jahre überschritten. Sie trägt mehr als ein Zehntel der gesamten Geschichte des Dorfes in sich. Sie hütet sie als lebendige Erinnerung wie kein anderer. Wer also könnte besser und eindringlicher Hüsbys Inneres darstellen? Beginnen wir mit ihr.

Da aber die Hüsbyer im Allgemeinen bescheidene Leute sind und auch in der gegenwärtigen Ellenbogengesellschaft eher nach dem Grundsatz leben, mehr zu sein, als zu scheinen, neigen sie nicht dazu, sich vorzudrängen und schon gar nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen. Wen wundert es da, wenn die alte Dame entschieden darauf besteht, anonym zu bleiben. Respektieren wir ihren Wunsch und nennen sie mit ihrem Einverständnis der Einfachheit halber Frau Ungenannt.




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2. - Ein geschlossenes Leben (1.Teil)