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Die Meierei Damals war in Hüsby viel Leben. - Ja, ganz bestimmt. Es war ganz anders als heute. Jetzt triffst Du im Dorf kaum noch Menschen, die mit ihrem Geschirr unterwegs sind. Wer geht im Ort noch seinen Geschäften nach? Im Sommer ist es ja besser. Da begegnen sich die Nachbarn zu einem Plausch, aber wenn das Wetter schlecht ist oder im Winter halten alle ihren Winterschlaf. Vor dem Krieg aber und noch viele Jahre danach war hier immer Betrieb. Schon frühmorgens zog alles zur Meierei, im Sommer wie im Winter, bei jedem Wetter. Da wurden wir oft nass und der Wind pfiff uns um die Ohren. Aber keiner konnte zu Hause bleiben. Die Milch musste halt abgeliefert werden. Sie kamen meist mit Handkarren, nur selten mit Pferd und Wagen. Sie kamen aus dem Dorf, vom flachen Land, aus Hüsbyfeld und manche sogar aus Danewerk. Es war schon eine harte Plackerei, denn die Straßen waren schlecht und die Kannen schwer. Hier oben im Dorf ging es ja mit der Straße, aber unten gab es so ein schreckliches Kopfsteinpflaster, holprig und uneben. Wenn man dort seine Karre ziehen musste, klapperte und rumpelte das Gefährt und drohte umzukippen. Und draußen vor dem Dorf erst. Die kleinen Straßen waren alle noch nicht asphaltiert. Da war oft überhaupt kein Durchkommen. Im Sommer behinderten tief verkrustete Fahrspuren die Fortbewegung, im Winter waren es Schnee, Matsch und Morast. Erika weiß noch heute davon ein Lied zu singen. Oft genug musste sie sich mit Pferd und Wagen, die von den Bauern der Umgebung zusammengesammelten Milchkannen hinten auf der Ladefläche, durch den Schlamm zur Meierei quälen. Dort hatte sie die schweren Kannen mit jeweils 20 l Milch in die Meierei zu schleppen, hochzuhieven und die Milch in den Bottich zu kippen. Und Erika war Jugendliche. Damals waren viele größere Kinder und Jugendliche mit der Milch unterwegs. In der Landwirtschaft hat ja jeder in der Familie bei der Arbeit geholfen. Wenn wir uns aber in der Frühe alle in der Meierei versammelt hatten, ging es immer fröhlich zu. Es wurde gescherzt und gelacht und wenn wir uns besonders angestrengt hatten, wenn uns der Schweiß von der Stirn rann oder wir durch Schnee und Sturm die Meierei doch noch erreicht hatten, waren wir besonders ausgelassen. Das war so schön! Richtig schön! Wie oft haben wir daran gedacht, uns die Arbeit zu erleichtern. Einmal hat Vater in der Werkstatt von einem aus Poppenhusen einen Esel gekauft. Ich weiß gar nicht zu welchem Zweck oder mit welcher Absicht, jedenfalls entschlossen sich meine Schwestern, den Esel vor den Karren zu spannen. Das ging zunächst auch ganz gut. Der Esel ließ sich das Geschirr anlegen und dann ging es los. Wir freuten uns alle. Unterwegs aber völlig unerwartet legte sich der Esel einfach hin, mitten auf der Straße auf halbem Weg zur Meierei. Durch gutes Zureden stand der Esel wieder auf und wir erreichten doch noch die Meierei. Aber gerade angekommen lag der Esel schon wieder auf dem Boden. Die Mädchen versuchten noch einige Tage, dem Esel Manieren beizubringen. Dann aber wollten die Mädchen mit dem Esel nicht mehr zur Meierei fahren, denn dort gab es immer so ein Gespött. Der Esel ging den Mädchen aber nicht so leicht aus dem Kopf. Sie hatten da so eine Idee. Sie wollten es mit Tell versuchen. Tell war unser Jagdhund, ein anhängliches und neugieriges Tier, das sich immer in unsere Spiele einmischte. Einmal hat er unser ganzes Puppengeschirr, das wir auf einen selbst gebastelten Tisch gedeckt hatten, zu Scherben gebracht, weil der Tisch, auf den er sprang, unter ihm zusammenbrach. Aber Tell war gelehrig und meine Schwestern spannten ihn vor den Milchkarren in der Hoffnung, er würde es besser machen als der Esel. Tell lief auch ganz ordentlich, und aufmerksam und gehorsam wie er war, gab er sein Bestes. Aber sein Bestes reichte nicht aus. Wenn es ihm nämlich zu schwer wurde, gab er auf, kroch unter den Wagen und war durch nichts mehr zu bewegen, hervorzukommen. So endeten denn unsere Versuche, uns unsere Arbeit zu erleichtern, kläglich. Als schließlich die Meierei geschlossen und die Milch von den einzelnen Gehöften abgeholt wurde, feierten wir diesen Fortschritt als große Arbeitserleichterung. Dass wir damit aber auch etwas verloren hatten, wer hätte das damals gedacht.
Der Dorfteich und der Leichenwagen Früher hatte Hüsby einen wirklichen Mittelpunkt. Unten im Dorf gab es alles. Die Meierei war nur das eine. Gleich daneben stand die Dorfschule, eine zweiklassige Volksschule, „de lütte“ und „de grote Skol“, mit zwei Lehrern, dem „kleinen“ Lehrer für die Jüngeren, dem „großen“ Lehrer für die oberen Jahrgänge. Hier kamen die Kinder täglich zusammen. Gegenüber der Schule hatte der eine von drei Kaufleuten des Dorfes sein Geschäft. Nicht zu vergessen der Bäcker. Der Dorfkrug war auch nicht weit. Mitten drin befand sich der Dorfteich. Da war auch immer Leben, denn hier reinigten die Bauern regelmäßig ihre Leiterwagen, die Räder, die Seitenbretter und andere Geräte von Dreck und Schmiere. Das gab immer so ein Hallo. Und im Sommer, wenn die großen Bretter der Wagen im Wasser schwammen und der Dreck aufweichte, hatten auch die Kinder ihren besonderen Spaß. Sie kletterten auf die Bretter und versuchten mit ihnen durch das Wasser zu reiten. Ich weiß nicht, wie man das heute nennen würde. Jedenfalls war es ein Mordsspaß und wenn ein Kind ins Wasser plumpste, lachten alle, selbst das Kind, das ins Wasser gefallen war. „Pütscherig“ war da keiner.
Und im Winter, wenn es richtig kalt und der Teich zugefroren war, dann war Betrieb auf dem Teich. Wir gingen von der Schule gar nicht nach Hause. Der Ranzen wurde hingeworfen und wir waren sogleich auf dem Teich. Einmal wollten wir auch Schlittschuh laufen, aber keiner konnte es. Ich weiß nicht, wo wir die Schlittschuhe schließlich herbekamen, aber wir hatten welche und rutschten immer das Eis entlang, dicht an der Straße, wo wir uns am Gitter festhalten konnten. Erst zu Hause merkten wir, wie kaputt unsere Knie vom vielen Fallen waren. Wenn ich daran bloß denke!
Auf der einen Seite des Dorfteiches befand sich dann noch das Spritzenhaus. Das hatte auch eine große Bedeutung für das Dorf. Selbst lange noch nach dem Krieg hatten die meisten alten Häuser Reetdächer. Das war nicht ungefährlich und damals brannte es deswegen auch noch viel häufiger als heute. Jedenfalls musste sich die Freiwillige Feuerwehr ständig darum kümmern, dass die Spritze in Ordnung war. Und neben der Spritze in demselben Haus stand der Leichenwagen des Dorfes. Der war auch wichtig. Er musste gepflegt werden und immer funktionieren.
Bis weit in die fünfziger Jahre hinein starben die meisten Menschen des Dorfes zu Hause. Das war ganz selbstverständlich. Wenn jemand gestorben war, wurde der Tote noch einige Zeit aufgebahrt und die Verwandten, die Freunde und die Nachbarn hatten Gelegenheit, von dem Toten Abschied zu nehmen. Heute sterben die meisten ja im Krankenhaus oder im Altenpflegeheim und nicht mehr zu Hause. Da kann man gar nicht so richtig Anteil nehmen. Der Tote kommt dann auch ganz schnell weg in die Leichenhalle nach Schuby. Das ist alles ganz schnell erledigt, irgendwie lieblos.
Unsere Toten wurden früher in der Lohdiele aufgebahrt. Dort ruhten sie dann einige Tage zwischen dem Wohntrakt auf der einen Seite und den Tieren auf der anderen. In dieser Zeit kamen die Nachbarn und sprachen ihr Beileid aus und alle gingen noch einmal zu dem Toten, um von ihm Abschied zu nehmen. Alle wurden davon ergriffen und sie trauerten. Als mein Bruder, - oder war es mein Vater - starb, war die ganze Atmosphäre von dem Verlust so erfüllt, dass selbst die Tiere davon angesteckt wurden. Sie wurden unruhig. Die Kühe „bölkten“ und die Pferde „klummerten“ mit Ihrem Geschirr, so als wüssten sie, was geschehen war. Ich weiß nicht, unheimlich war es nicht, ich habe es mir auch nicht eingebildet, aber ich wurde doch davon so gepackt, dass ich es nie mehr vergessen habe.
Irgendwann einmal aber mussten die Toten dennoch beerdigt werden und dazu benötigten wir den Leichenwagen. Die von der Mühle hatten ja meistens diese wuchtigen Pferde, die wurden vor den Wagen gespannt. Dann ging es ganz langsam nach Schuby und das ganze Dorf, eine große Prozession hinterher. Der Weg wurde immer zu Fuß zurückgelegt, hin und zurück. Das Ganze gab es noch lange Zeit nach dem Krieg, aber irgendwann wurden die Pferde durch ein Motorfahrzeug ersetzt. Aber das war ja schrecklich. Die konnten gar nicht so langsam fahren, wie alle Leute zu Fuß waren. Sie fuhren immer so schnell, dass alle Leute hinterher rennen mussten und die Prozession auseinanderfiel. Es hatten ja schon einige Leute Autos, die waren besser dran. Aber der ganze Leichenzug, so wie ich ihn von Kindheit an kannte, den gab es dann nicht mehr. Bald danach war es ja auch nicht mehr gestattet, die Toten noch zu Hause aufzubahren.
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